Vom Fluchttier zum Designerpferd 


Ein Blick hinter die Kulissen der Pferdezucht

 

Vorwort:

Tiere sind keine Sportgeräte…sollte man meinen. Und doch werden sie gerade im Bereich der Pferdewirtschaft wie welche be (miss-handelt und genutzt. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen, welche wir immer wieder in vielen Publikationen dokumentieren. Das psychische und physische Leid der Pferde in unserer Obhut ist alltäglich – leider.
Eine wichtige und interessante Arbeit ist dahingehend auch das neu erschienene Buch einer Frau, die sich wagt offen und kritisch einem nicht kleinen Bereich der Pferdewirtschaft den Spiegel vorzuhalten und dem Leser nahe zu bringen, was genau hinter den Kulissen der Zucht mit Pferden geschieht. Das Designen und Umbauen des Pferdekörpers in eine Form, die je nach Nutzung oder Modeerscheinung Pferde als Designerprodukte auf den Markt wirft, zeigt deutlich, wie weit der Mensch geht und dass er vor Nichts halt macht. Gehandicapte und leidende Pferde sind das grausame Ergebnis eines Cocktails an Zuchtsucht, den wir unseren Lesern mittels dieser Buchvorstellung nicht vorenthalten wollen. Wir bedanken uns bei Barbara Schulte, die mit Mut zur Wahrheit nach langen Recherchen dieses Buch schrieb und sich bereiterklärte uns via Interview mehr darüber zu erzählen. Frau Schulte, eine Frau mit hohem Erfahrungsschatz und dem festen Willen für Pferde etwas zu erreichen…eine Veränderung in einem Bereich, der der Öffentlichkeit bisher nicht sehr zugänglich war.

 

Barbara Schulte über sich selbst:

Schon als kleines Kind zogen mich Pferde magisch an. 1963, als der Pferdebestand im Begriff war auf einen Tiefstand zu sinken, begann ich mit den ersten Reitstunden. Ich wollte aber auch gleich alles lernen, was mit der Pferdehaltung zu tun hat und wurde bald während der Schulferien als feste Arbeitskraft eingeplant. Für die Erfahrungen, die ich mir hart erarbeiten durfte, bin ich heute noch dankbar.
Zu Beginn meiner journalistischen Tätigkeit habe ich zehn Jahre lang über pferdesportliche und züchterische Veranstaltungen berichtet. In dieser Zeit wurde auch das "Deutsche Reitpferd" aus der Taufe gehoben. Während mehrjähriger Auslandaufenthalte in England und Brasilien konnte ich nicht nur neue Menschen sondern auch andere Pferde und Reitweisen kennen lernen.1999 gründete ich mit meinem Mann das Lipizzaner Gestüt "Unter den Linden".
Auf meinem bisherigen Lebensweg habe ich eine ganze Reihe unterschiedlicher Pferdeleute kennen gelernt. Sie hatten alle nicht nur fundiertes Wissen sondern auch den speziellen Zugang zu Pferden, der den meisten Mitmenschen leider verschlossen bleibt. Von diesen Pferdemenschen habe ich gerne gelernt. Die besten und geduldigsten Lehrer waren aber die Pferde selbst, die mir ihre Freundschaft geschenkt haben. 
Die gemeinsame Arbeit habe ich stets als Zwiesprache verstanden, durch die das Pferd seine Persönlichkeit offenbart und seine Stärken und Probleme zu erkennen gibt.
Mehr zu meiner Person und dem Buch ist auf meiner Webseite zu finden dort beantworte ich auch gerne Fragen  http://barbara-schulte.de/

 

Pferdehilfe: Sie haben ein Buch geschrieben, welches auf kritische Weise die heutige Pferdezucht betrachtet – mit teils vernichtendem Urteil. Wie kam es dazu?

Ich befasse mich ja schon viele Jahrzehnte sowohl mit der Zucht als auch mit der Ausbildung von Pferden. Mir waren über die Jahre auch schon veränderte Haltungen und Bewegungsmuster der Pferde aufgefallen. Zunächst hatte ich dies auf  falsches Reiten und zu schnelle Ausbildung zurückgeführt.
Vor etwa acht Jahren begegnete ich Ulrike Paulus und ich war von ihrem ruhigen, absolut pferdefreundlichen Training begeistert. Schon immer hatte ich nur mit Menschen zusammengearbeitet, die das Pferd als eigenständiges Wesen respektierten und einfühlsam mit ihm umgingen; doch hatte ich bisher niemand kennen gelernt, der so sicher bereits im Stand die körperlichen Probleme erkennt und darauf ein zielgerichtetes Training aufbaut. Die von Ulrike Paulus trainierten Pferde verbessern nicht nur in kurzer Zeit ihre körperliche Verfassung, sie öffnen sich auch im Wesen, da sie ein Mitspracherecht haben.
Dieses Wissen wollte ich in meinem Buch an all jene weitergeben, denen die Gesunderhaltung ihrer Pferde am Herzen liegt. Doch je mehr wir über die biodynamischen Zusammenhänge der Körperhaltung von Pferden und ihrem Bewegungsmuster sprachen, um so mehr wurde klar, dass die modernen Pferde sowohl im Gebäude als auch in der Motorik verändert sind.
Auf der Suche nach dem "Warum?" habe ich systematisch eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten zum Thema untersucht. In meinem Buch habe ich die entscheidenden Elemente von Zucht und Ausbildung aber auch Haltung zusammengetragen. Daraus ergab sich das Bild eines willkürlich nach menschlichem Gewinnstreben veränderten Pferdetyps, den ich daraufhin "Designerpferd" getauft habe.

Wie das von Ulrike Paulus entwickelte Körpertraining die Lebensqualität eines Pferdes steigern kann, zeigt unter anderem dieses Beispiel eines Freizeitpferds vor und nach dem Training:

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Fotos (2) Archiv Paulus

 

Pferdehilfe: Was beinhaltet Ihr Buch bzw. was erwartet die Leserschaft genau?

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den einschneidenden Veränderungen, die das "Deutsche Reitpferd" in den vergangenen dreißig Jahren erfahren oder auch "erlitten" hat. Die "Nutzungsdauer" der Pferde ist in dieser Zeit drastisch von rund 16 Jahre auf unter vier Jahre gesunken.
Damit der Leser diese schleichende Entwicklung und ihre inzwischen katastrophalen Auswirkungen auf die Gesundheit der Pferde nachvollziehen kann gebe ich einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte des Pferdes und die Mensch-Pferd Beziehung durch die Jahrtausende. Im Buch wir auf die Besonderheiten von Skelett und Muskulatur eingegangen. Es werden die Unterschiede der natürlichen und reiterlich oder züchterisch veränderten Bewegungen beschrieben. Ein Teil ist dem von Ulrike Paulus entwickelten Körpertraining gewidmet. An Beispielen aus der Praxis, wird gezeigt welche positiven körperlichen Veränderungen durch ein individuelles und gezieltes Körpertraining erreicht werden können.

 

Pferdehilfe: Worauf führen Sie den erschreckenden Rückgang der "Nutzungsdauer" zurück?

Die Zuchtauswahl auf ständig zunehmende Größe und besonders auf immer mehr Beweglichkeit mit spektakulären Gängen stellt das Hauptproblem dar. Die Beweglichkeit, die inzwischen in eine negative Überbeweglichkeit umgeschlagen ist, zieht Balanceprobleme nach sich. Dadurch werden Pferde nicht nur schwieriger zu reiten, sie stehen auch unter Stress und bekommen Panikattacken; weil sie stolpern, zu stürzen drohen und fürchten einer gefährlichen Situation nicht schnell genug entfliehen zu können.
Eine weitere Ursache gesundheitlicher Probleme, ist die ungezügelte Einkreuzung von Vollblut. Dies spiegelt sich nicht nur in der äußeren Erscheinung moderner Pferde wieder, die leichter und feingliedriger wurden, auch ihr Skelett wurde unbewusst verändert. Eine stärker abwärtszeigende Wirbelsäule, lässt den Sattel samt Reiter auf die Schulter rutschen. Mit enger stehenden Dornfortsätzen stieg die Gefahr von "kissing spines".
Doch damit nicht genug! Initiiert vom holländischen KWPN (Koninklijk Warmbloed Paard Nederland) werden die Pferde nun nach den Wünschen der Dressurreiter züchterisch verändert. So wird das moderne Dressurpferd ein "Bergaufmodell", bei dem der Widerrist etwa fünf Zentimeter höher als die Kruppe ist. Dies wird durch ein verlängertes Röhrbein erreicht. Durch diese Maßnahme soll züchterisch eine Formgebung erfolgen, die eigentlich das Ergebnis jahrelanger geduldiger Ausbildung eines Pferdes wäre.
Durch die Verlängerung der Vorderbeine wird jedoch das gesamte Skelett des Pferdes verschoben. Die Rückenlinie ähnelt oft schon der des Deutschen Schäferhundes und jeder weiß welche negativen gesundheitlichen Folgen diese Zuchtmaßnahme hat. Beim Pferd wird dadurch das ohnehin sehr empfindliche Kreuzdarmbein schnell überlastet. Das "Designerpferd" strampelt vorne spektakulär, in dem es von einem stützenden Vorderbein auf das andere fällt und hat die schwache Hinterhand im Schlepptau.

Immer mehr Pferde bekommen Schwierigkeiten mit der Gangart Galopp. Manche wollen gar nicht galoppieren und andere rennen davon. Diese sind aber nicht  "verrückt im Kopf" sondern sie kippen auf die Vorhand und versuchen sich durch erhöhtes Tempo wieder auffangen.

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Wie am Bild des Rennpferds zu erkennen ist, zeigt die Rückenlinie selbst in der relativ stabilen Zweibeinstützphase deutlich abwärts. Diese Körperhaltung ist eine Folge der Zuchtauswahl auf Geschwindigkeit. Diese für ein Reitpferd negative Haltung ist eines der "Risiken und Nebenwirkungen" des Vollblüters in der Warmblutzucht.   Foto: NocoPicsDE-Fotolia_com

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Vor rund vierzig Jahren galoppierten Pferde noch so wie diese Zuchtstute. Der  Sattel liegt gerade auf dem stabilen Rücken. Der Reiter hat zur Entlastung das Gesäß aus dem Sattel gehoben. Foto: Barbara Schulte

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Das moderne Pferd zeigt demgegenüber eine deutlich nach vorne hin abwärtszeigende Rückenlinie. Der Sattel rutscht nach vorne und kippt auf die Schulter. In diesem Fall ist eine Lücke zwischen Rücken und Sattel und nicht wie im Beispiel der Zuchtstute zwischen Sattel und Gesäß. Das Pferd selbst kommt mit dieser Abwärtshaltung nicht mehr recht vom Boden.  Zeichnung: Dianne Breeze

 

Pferdehilfe: Sie werden sich mit Sicherheit lange und ausgiebig in der Zucht umgeschaut haben. Zu welchen übergeordneten Ergebnissen sind Sie gekommen?

Die Zucht richtet sich auf den internationalen Sport aus. Allerdings werden in diesem Spitzenbereich nur ein Prozent aller Pferde vermarktet. Dies gilt nicht alleine für Warmblüter, auch Ponys und Vertreter der Spezialrassen werden " sportlicher" im Aussehen und mit mehr Gangvermögen gezüchtet.
Dieser Trend geht an den Wünschen der Mehrheit der Reiter vorbei. Sie suchen zuverlässige Tiere mit denen vielseitiger Reitsport betrieben werden kann. Das sind jedoch stabile Pferde, die sich körperlich und seelisch im Gleichgewicht befinden.

 

Pferdehilfe: Gibt es ein Zuchtgeschehen (Rassen, Linien etc.), welches bei Ihnen nicht kritisch aufstößt?

Sicherlich sind in den verschiedenen Spezialrassen noch am ehesten stabile Pferde zu finden. Mit meinem Buch möchte ich die Züchter und ihre Verbände bestärken bei ihren traditionellen Auswahlkriterien für das Aussehen und den Einsatz ihrer Rassen zu bleiben. Beim Versuch diese Rassen dem Bild eines Sportpferdes anzugleichen, verlieren diese nicht nur ihre Identität, sondern laufen auch Gefahr dieselben gesundheitlichen Probleme zu bekommen.
Diese Tendenz ist etwa bei den Haflingern auffällig, die durch Einkreuzung von Arabern "modernisiert" werden. Selbst der einst so stabile und geländesichere Isländer wird schon schlanker und verstärkt auf die Spezialgänge Pass und Tölt getrimmt. Manchmal erinnert dort nur noch die lange dicke Mähne an den einstigen "Naturburschen".

Gangpferde sind beliebt bei Freizeitreitern, weil sie bequem zu sitzen sind. Im Turniersport sind Spezialgänge unerwünscht. Wie sieht das nun aus der Sicht des Pferdes aus?

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Der Isländer zeigt im Rennpaß deutlich, wie die Hinterbeine seitlich an den Vorderbeinen vorbeigreifen. Er kann das nur mit festgehaltenem Rücken. Der schwankt hin und her, wenn das Pferd die Beine auf der gleichen Seite gleichzeitig vorsetzt. Der Schub der Hinterbeine drückt das Pferd auf die Vorhand, nur noch ein Vorderbein muss das gesamte Gewicht von Pferd und Reiter abfangen. Eigentlich müsste ein Hinterbein ebenfalls am Boden sein.

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Zum Vergleich ein junges Pferd im freien Trab auf der Weide. Die Schwebephase zeigt deutlich, die diagonale Fußfolge des natürlichen Trabs. Foto: Barbara Schulte

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Das Turnierpferd zeigt heute eine übertriebene Aktion des Vorderbeins. Dies wird nicht nur durch reiterliche Einwirkung erreicht auch die Zuchtauswahl auf spektakuläre Gänge hat  ganz entscheidend zu diesem unnatürlichen Bewegungsmuster geführt. Der Blick der Turnierrichter und Zuchtverantwortlichen liegt heute fast ausschließlich auf der aufsehenerregenden Aktion der Vorderbeine. Dabei wird missachtet, dass der "Motor des Pferdes hinten liegt". Einzig und allein die Energie des Hinterbeins ist für den Bewegungsablauf des Pferdes entscheidend.

Zeichnungen (2) Dianne Breeze

 

Pferdehilfe: Sie werden mit Ihrem Tun & Ihrem Buch Kritiker auf den Plan gerufen haben. Immerhin halten Sie einer gewinnbringenden Branche einen unangenehmen Spiegel vor. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um und welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren „Gegnern“ gemacht?

Bisher waren die Reaktionen, bis auf vereinzelte Ausnahmen von Leuten, die das Buch gar nicht gelesen haben und mir schlicht Unwissenheit und eine Abneigung gegen Vollblüter unterstellt haben, ausnehmend positiv. Nach meinen Vorträgen sind selbst Tierärzte und Physiotherapeuten erschüttert, wie stark negative Veränderungen, wie etwa Durchtrittigkeit, schon an ganz jungen ungerittenen Pferden zu erkennen sind.
Die Zuchtverbände und Reitsportorganisationen äußern sich bisher nicht zu meinem Buch – vielleicht  wollen sie ja "keine schlafenden Hunde wecken". Allerdings höre ich immer wieder, dass einzelne Vertreter der Verbände und Ausbilder von Pferdefreunden auf das Buch angesprochen werden.  Bisher lautete die Antwort, sie hätten davon gehört, es aber nicht gelesen.

 

Pferdehilfe: Gibt es Pferderassen, Trends, besondere Züchtungen oder Linien, die Sie – ohne mit der Wimper zu zucken - als Qualzüchtungen betiteln würden?

Das "Designerpferd", dessen Skelett durch züchterische Maßnahmen gezielt verschoben wurde, damit es schon ungeritten den Eindruck eines versammelten Pferdes erweckt.
Bei diesen Pferden stehen die Gelenke nicht mehr im Lot, was unweigerlich zu einer Überlastung der schwächeren unteren Gelenke führt.
Sie haben oft so starke körperliche Probleme, dass sie sich nicht nur unsicher bewegen und deshalb schreckhaft werden, sondern sie verschlechtern ihre Körperhaltung in einigen Fällen schon während der Aufzucht und später selbst ohne reiterliche Belastung auf der Weide. Sowohl die körperlichen Mängel als auch die fehlende Ausgeglichenheit bedeuten Dauerstress, dem das Pferd nicht aus eigener Kraft entgehen kann.

 

Pferdehilfe: Wer trägt Ihrer Meinung nach einen großen Teil der Verantwortung, dass wir heute so angegriffene Pferde haben?

Da sollten wir nicht einer Gruppe den "Schwarzen Peter" zuschieben. In meinem Buch habe ich versucht das Zusammenspiel von Zucht und Käuferwünschen zu beschreiben, sowohl für den Turniersport als auch für die Freizeitreiter. Bedauerlicherweise ist die Zucht von Freizeitpferden ein Verlustgeschäft. So wird letztendlich nur gezüchtet was sich gut verkaufen lässt!
Auch wenn ich grundsätzlich gegen zu starke Reglementierung der Zucht von oben bin, bleibt festzustellen, dass die Privatisierung der Hengsthaltung mit der sich etliche Jahrzehnte gutes Geld verdienen ließ, der Zucht nicht gedient hat. Hengste wurden aufwendig und vollmundig beworben ohne Rücksicht auf ihre tatsächlichen Vererberqualitäten.
Die Bedeutung der Landgestüte wurde in den Hintergrund gedrängt. Die Landstallmeister, die noch auf Punkte wie Fundament und Reck, sowie ein gewisses Kaliber geachtet hatten, mussten sich zunehmend den Forderungen der Züchter beugen, die von den staatlichen Beschälern das selbe Aussehen und dieselben Bewegungen wie von den privaten  Hengsten forderten.
Nicht zu Letzt sind es natürlich die Turniererfolge, die die Maßstäbe setzen. Was hier ausgezeichnet wird, versuchen die Züchter zu produzieren, weil mit diesen Tieren noch etwas zu verdienen ist. Normale Pferde sind nur sehr schwer und nicht kostendeckend zu verkaufen.

 

Pferdehilfe: Glauben Sie dass es eine Umkehr geben kann? Zurück zu den Wurzeln des Pferdes? Oder wird sich die Lage weiterhin zuspitzen, weil damit nicht gerade wenig Geld verdient wird?

Ich glaube schon, dass eine Umkehr möglich wäre, wenn sich alle Beteiligten gemeinsam für dieses Ziel einsetzen. Es ist mit Sicherheit keine einfache Aufgabe und für den einzelnen so gut wie unmöglich. Wichtig ist eine wissenschaftliche Langzeitbegleitung des Projekts. Es nützt wenig die Reiteignung junger Pferde zu bewerten, die können noch körperliche Reserven aktivieren. Der langfristige Einsatz sollte das Ziel sein und fortlaufend kontrolliert werden.
Das große Geld verdienen ja nur einige wenige. Die Mehrzahl der kleinen Züchter kann sich die Pferdezucht nicht mehr leisten. Sie geben auf. Das wiederum schwächt die Finanzlage der Zuchtverbände, deren Einnahmen ja von der Zahl der eingetragenen Zuchttiere und der zu registrierenden Fohlen abhängen. Es wird schon seit längerem vom "Tal der Tränen" gesprochen, das zu durchschreiten sei. Ohne Richtungswechsel in der Zucht wird es wohl weiter bergab gehen. Der Ausweg ist nur mit stabilen Tieren, die in sich selbst ruhen, möglich. Das sind umgängliche leistungsfähige Pferde für die Mehrheit der Reiter.

 

Pferdehilfe: Wir alle wissen, dass Pferde nicht zum Reiten gemacht sind. Sie sind hinsichtlich ihrer natürlichen Erscheinung/ ihrer Anatomie nicht dafür gebaut. Liegt nicht auch da ein Teil des grundsätzlichen Problems der angegriffenen Pferdegesundheit?

Als die Natur das Erfolgsmodell Pferd vor rund sechs Millionen Jahren entwickelt hat, gab es den Menschen noch gar nicht. Eine Nutzung als Lastenträger, Zugtier oder Reitpferd war nicht vorgesehen. Doch besteht ein etwa sechstausendjähriges Zusammenleben von Mensch und Pferd auch das beschreibe ich in meinem Buch. In dieser Zeit sind aus den Urformen zahlreiche ganz unterschiedliche Rassen entstanden. Diese sind ein Kulturgut, für dessen Erhaltung ich mich einsetze. Ohne "Nutzung" wird es jedoch für die meisten Pferde keine Existenzgrundlage mehr geben. Ich setze mich für den Erhalt des Pferdes in seiner Rassenvielfalt ein! Hierin bestehen große Parallelen zum Hund, ebenso wie in der emotionalen Bindung zwischen Mensch und beiden Tierarten.
Solange der Mensch das Pferd als Arbeitstier brauchte, hat er darauf geachtet, dass es in der Lage war die ihm zugedachten Aufgaben auch zu erfüllen. Hier möchte ich einen Umstand anmerken, der niemals wirklich gewürdigt wurde: Ohne den Einsatz von Pferden wäre nach dem II.  Weltkrieg die Versorgung der durch den Flüchtlingsstorm stark angewachsenen Bevölkerung auf einer wesentlich kleineren landwirtschaftlichen Fläche im Westen Deutschland nicht möglich gewesen. Viele Menschen hätten verhungern müssen.
In dieser Zeit wurden Pferde gut zwanzig Jahre alt und waren auch so lange einsetzbar.
Erst in einer Zeit in der die Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird und nur noch das Freizeitvergnügen zählt ist die "Nutzungsdauer" durchschnittlich auf unter vier Jahre gefallen.

 

Pferdehilfe: Was möchten Sie mit diesem Buch erreichen? Wie lautet Ihre genaue Botschaft und welche Erwartungen/Ziele haben Sie?

Mit diesem Buch möchte ich eine Diskussion über die Ziele der Pferdezucht anregen und dazu beitragen, dass künftig züchterische Veränderungen und ihr Einfluss auf Gesundheit der Pferde, wissenschaftlich untersucht werden.
Dies ist bei jedem anderen landwirtschaftlichen Nutztier üblich. Nur bei Pferden wird mit der Begründung "sie lassen sich ja reiten" davon ausgegangen, dass Schädigungen nur durch schlechte Haltung oder falsches Reiten erfolgen. Es wird in diesem Zusammenhang völlig vergessen, dass ein Fluchttier nicht durch Anzeigen von Schmerzen auf seine missliche Lage aufmerksam macht, sondern diese so lange wie möglich still erträgt.

 

Weitere Infos zu Barbara Schulte und ihrer Arbeit/ ihrem Buch finden Sie unter:
http://barbara-schulte.de

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Text: Nico Welp

 

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