Die Pferdedentistik - Ein Plädoyer für gesunde und kräftige Pferde

Interview mit einem Zahnarzt für Pferde

Die Natur des Pferdes ….hat sich im Laufe der Domestizierung und Nutzung unserer Hauspferde so gut wie nicht verändert. Was sich jedoch zwangsläufig veränderte, sind die Lebensumstände denen unsere Vierbeiner ausgesetzt sind. Als Nomaden auf weiten Flächen nahmen die Pferde neben Gräsern auch Sand, Baumrinden, Sträucher und andere Abriebstoffe auf. Diese dienten nicht nur der natürlichen Nährstoffaufnahme, sondern auch der langfristigen Zahngesundheit. Etwa 16-18 Stunden Nahrungsaufnahme von teils harter Rauhfaser gehören zur Natur des Pferdes, darauf ist der gesamte Körper ausgelegt. In den heutigen Haltungsformen wird das meist immer noch nicht berücksichtigt.

Das Pferdegebiss sowie der gesamte Verdauungs- und Bewegungsapparat sind überwiegend nicht der Natur entsprechend ausgelastet. Gesundheitliche Probleme sind die Folgen. Das natürliche Futter in den Steppenregionen hielt sowohl die Schneidezähne, als auch die Mahlflächen der Backenzähne in konstanter Reibung und nutzte diese entsprechend ab. In den heutigen Haltungsformen werden die meisten unserer Pferde mit Heu, Stroh, Getreide, Pellets etc. pp. gefüttert. Bei dieser Ernährung bleiben die Schneidezähne weitestgehend ungenutzt. Sie können somit ohne Abrieb nachschieben. Die Fütterung mit Getreide verursacht hingegen eine starke Beanspruchung der Backenzähne in senkrechter Richtung, bei gleichzeitiger Verminderung der horizontalen Kaubewegung. Das Pferdegebiss ist jedoch nicht für eine solch einseitige Belastung geeignet. Durch die zu geringe Abnutzung der Schneidezähne bei gleichzeitig starker und ungleichmässiger, alleiniger Abnutzung der Backenzähne, entsteht früher oder später eine Disharmonie im Kauapparat, dessen gesamte Geometrie sich verschiebt. Dieses Ungleichgewicht kann zu einer Reihe von schmerzhaften Problemen und sogar Erkrankungen führen. Weiterhin sorgen Verhaltensauffälligkeiten/ Verhaltensstörungen sowie auch das Reiten selbst häufig für Zahnprobleme verschiedenster Art, die sich zwar beobachten lassen, aber immer noch zu selten Thema der Pferdegesundheit werden.

Das Pferdemaul ist bisher ein zu wenig beleuchtetes schwarzes Loch, ein Stiefkind um welches man sich oftmals erst kümmert wenn das Leiden schon so groß ist, daß das Pferd wehrig oder krank wird, abmagert oder unzerkaute Nahrung ausspuckt. Man könnte seinen Pferden Vieles ersparen, wenn man von Beginn an und regelmäßig darauf achtet, daß derartige Probleme gar nicht erst entstehen.

 

 

Regelmäßige Zahnpflege ist eine unbedingte Notwendigkeit für Wohlbefinden und Gesundheit unserer Pferde und sollte eine Selbstverständlichkeit in der Pferdehaltung werden dürfen wie es z.B. die Hufpflege längst ist. Wie ist es um die praktische Umsetzung bestellt? Leider machen wir (und viele unserer Kollegen in der Pferde-Reha) bisher die Erfahrung, daß dem Thema Zahngesundheit bei Pferden an sich nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Fast jedes der Pferde, welches zu uns findet oder von uns behandelt wird, hat mit Zahnproblemen und/ oder Kieferproblemen zu kämpfen. Die teils erheblichen Schäden und Schmerzen sind eine Bankrotterklärung für den Menschen und wir fragen uns, ob es wirklich Ignoranz oder vielleicht eher Unwissenheit ist, die zu so einem Zustand führt. Warum auch immer, für das Pferd ist das damit verbundene Leiden dasselbe. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen mit unserem Spezialisten für Zahnheilkunde am Pferd ein ausführliches Interview auf dieser Seite zur Verfügung zu stellen um bei der Aufklärung zu helfen. Wir hoffen, daß wir somit ein wenig das Bewusstsein für den empfindlichen und lebensnotwendigen Kauapparat des Pferdes schärfen können und sind unserem Tierarzt Niels Kjaergaard sehr dankbar, daß er sich die Zeit zur Beantwortung der Fragen genommen hat. Danke Niels!

 

Niels Kjaergaard – Tierarzt und Spezialist für Zahnheilkunde

Ein Zahnarzt für Pferde

Studium: Tierärztliche Fakultät Ludwig-Maximilians-Universität München

Seit November 2005 ist Niels Kjaergaard fester Mitarbeiter der Pferdeklinik Domäne Karthaus in Dülmen und leitet dort die Abteilung Zahnheilkunde für Pferde. Als Spezialist sieht wohl kaum jemand mehr Pferdezähne im Jahr. Nicht nur die Pferde in seiner Obhut erhalten die bestmögliche Behandlung, auch jeder interessierte Pferdehalter erhält eine genaue und aufschlussreiche Beratung. Aufklärungsarbeit ist für ihn selbstverständlicher Teil der Behandlung, denn letztlich soll eine nachhaltige Zahngesundheit Ziel jeder Behandlung sein. „Nachhaltigkeit“, ein guter Grund warum wir nun mit Niels Kjaergaard ein Tagesseminar zum Thema planen, bei dem sich Pferdehalter informieren können was wirklich wichtig ist und wie sie selbst den Zahnstand ihrer Pferde besser im Auge behalten können.

 

Niels Kjaergaard bei der Arbeit in der Klinik

 

 

Die Schmerzpolizei im Dienst

Niels Kjaergaard ist unser Mann für alle Zahnfälle. Er betreut jeden unserer Zahnpatienten (ambulant oder in der Pferdeklinik) und achtet bei all unseren Bewohnern auf eine regelmäßige und präzise Kontrolle. Niemand anderem würden wir diesen Bereich der Pferdegesundheit überlassen und sind sehr dankbar, daß wir auf seinen hohen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Gerade die alten Patienten hätten weitaus weniger Lebensqualität oder würden ohne seine Hilfe, seinen persönlichen Einsatz und seine kompetente Arbeit wohl nicht mehr leben. Nebst dem notwendigen Fachwissen gehören Einfühlungsvermögen, pferdegerechter Umgang und eine enorme Portion Leidenschaft für seine Arbeit zu Niels Kjaergaard wie der Schweif zum Pferd und machen ihn für uns zu einem ganz besonderen Arzt. Wir sind dankbar für solche Menschen, die gewissenhaft einem Berufsethos folgen, die die Liebe zum Pferd und die Achtung vor dem Leben ganz selbstverständlich mit in ihre Arbeit tragen und mit teils hohem persönlichen Einsatz deutlich zeigen, daß dieser Beruf noch Berufung ist.

 

Pferd vor der Behandlung

 

und nach der Behandlung durch Niels Kjaergaard

 

Nils Kjaergaard im Interview

Pferdehilfe: Im Vorwort haben wir kurz die Wichtigkeit der Zahngesundheit bei Pferden thematisiert. Kannst Du unseren Lesern kurz zusammenfassen, wie das Pferdegebiss anatomisch aufgebaut ist, wie es vom Pferd natürlich genutzt wird?

Niels Kjaergaard: Man kann gar nicht genug betonen wie wichtig gesunde Zähne für ein gesundes Pferd sind. Pferde – als große Pflanzenfresser – verbringen den Hauptteil ihres Lebens mit der Nahrungsaufnahme. Das ist zwar bekannt, aber die Konsequenzen und der Stellenwert sind den meisten Menschen nicht bewußt. Pferde zerkleinern dabei Nahrung, die für uns ebenso unverdaulich wie unzerkaulich ist. Es gelingt ihnen dabei hartes Pflanzenmaterial auf eine durchschnittliche Faserlänge von zwei bis sechs Millimeter zu zerkauen, damit es den Bakterien im Darm überhaupt erst möglich ist, dieses zu verdauen. Und Pferde haben dafür im Gegensatz zu Wiederkäuern nur einen einzigen Kauvorgang zur Verfügung. Zu diesem Zweck hat die Evolution das Pferd mit einer hochspezialisierten Pflanzenzerkleinerungsmaschine ausgestattet, die mit unseren Zähnen (fast) nichts gemein hat.

Die Zähne eines Pferdes sind zwar aus den gleichen Zahnhartsubstanzen aufgebaut wie auch unsere Zähne, aber da enden die Gemeinsamkeiten. Das beginnt mit dem Aufbau des einzelnen Zahns. Während Menschen schmelzkappige Zähne haben, spricht man beim Pferd von schmelzfaltigen Zähnen. Bei diesen sind – wie die Bezeichnung sagt – die einzelnen Zahnhartsubstanzen umeinander gefaltet, so das an den Kaufläche Schichten von Zahnschmelz, Dentin und Zahnzement nebeneinanderliegen. Dies führt zu einem unregelmäßigen und rauen Oberflächenprofil mit erhabenen Schmelzleisten. Aber die Evolution hat hier noch etwas Tolles geleistet. Da sich der weichere Zahnzement und das Dentin schneller abnutzen als der harte Zahnschmelz, bleibt das Oberflächenprofil trotz der kontinuierlichen Abnutzung der Oberfläche erhalten. Wie bei einem selbstschärfenden Mühlstein.

 

Backenzahn eines Pferdes

 

gesundes Pferdegebiss

 

 

Des Weiteren unterscheidet sich der Kauvorgang selbst fundamental von der menschlichen Art zu Kauen. Das Pferd kaut nicht in einer bloßen Auf- und Abbewegung des Unterkiefers gegenüber dem Oberkiefer. Die Kiefer werden in einer seitlich kreisenden Bewegung geführt und jeweils nur die linke oder die rechte Backenzahnreihe genutzt. Pferde zermahlen dabei ihre Nahrung zwischen den Backenzähnen. Dabei erzeugen sie einen wesentlich höheren Kaudruck als Menschen. Bei grasenden Pferde kommt zu der seitlichen Bewegung auch eine Bewegung des Unterkiefers von vorne nach hinten. Diese sogenannte rostrokaudale Bewegung wird umso weniger je härter und schwerer zerteilbar das Futter wird.

 

 

Pferdehilfe: Wenn Du einen neuen Patienten vor Dir stehen hast…wie gehst Du vor? Worauf sollte ein guter Dentist bei der ersten Untersuchung achten?

Niels Kjaergaard: Zunächst einmal erhebe ich den Vorbericht und betrachte das Pferd als Ganzes. Wie alt und welche Rasse? Gibt es aktuelle Probleme beim Fressen oder bei der Arbeit mit dem Pferd? Handelt es sich um eine Routinekontrolle? Wann war die letzte Zahnbehandlung oder Kontrolle? Und von wem wurde diese durchgeführt? Das sind wichtige Informationen, die es mir auch ermöglichen das Verhältnis zwischen Besitzer und Patient besser einschätzen zu können. Dann beurteile ich das Pferd als Ganzes. Passt der Ernährungszustand zur Rasse und dem Alter? Wobei ältere Pferde nicht zwangsläufig dünner sein müssen. Gibt es Hinweise auf andere Probleme? Wie ist die Atmung? Wie verhält sich das Pferd? Aktuelle Lahmheiten oder Probleme mit dem Bewegungsapparat? Erst dann beginne ich mit der Untersuchung des Kopfes. Dabei schaue ich mir nicht nur die Zähne an, sondern eben auch die Organe, die eng mit den Zähnen verflochten sind wie Kopfhöhlen, Kiefergelenke, Kaumuskulatur, Unterkiefer und Speicheldrüsen. Ich denke, es ist wichtig das Pferd nicht nur auf die Zähne zu reduzieren. Die Zähne sind Teil eines enorm komplexen Gesamtsystems „Pferd“. Zahnprobleme können Störungen des Bewegungsapparates oder der Atmung auslösen. Wenn man nur die Zähne betrachtet, wird man diese Zusammenhänge nicht erkennen.

 

 

Pferdehilfe: Wir erleben immer wieder daß der Zahngesundheit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Eigentlich fast unverständlich, da Pferde auf ein gesundes Kauwerkzeug und einen funktionierenden Kiefer angewiesen sind. Wie ist da Deine Erfahrung hinsichtlich der Versäumnisse bei Pferdehaltern bzw des allgemeinen Kenntnisstand?

Niels Kjaergaard: Viele Pferdehalter haben immer noch völlig falsche Vorstellungen von der Funktionsweise und der Bedeutung der Zähne eines Pferdes. Wie Du Eingangs schreibst, verbringen Pferde bis zu 16 Stunden jeden Tag mit der Nahrungsaufnahme. Fressen – das ist die Hauptbeschäftigung eines Pferdes. Nicht geritten werden, nicht Führanlage gehen, nicht in der Box herumstehen und auch nicht auf der Wiese herumrennen. Die Hauptbeschäftigung eines Pferdes ist Fressen. Und das tut es nun mal mit den Zähnen. Dementsprechend wichtig sind gesunde Zähne für ein insgesamt gesundes Pferd. Die hohe Energiedichte der Nahrung, die wir unseren Pferden anbieten, und die enorme Leistungsfähigkeit des Pferdegebisses verleihen hierbei dem Pferd ein enormes Kompensationsvermögen. Aber nur wie ein Pferd frisst, hat es nicht automatisch gesunde Zähne. Deswegen sind regelmäßige Zahnkontrollen so wichtig wie der regelmäßige Besuch des Hufschmiedes. Aber es wird besser. Immer mehr Patientenbesitzer lassen regelmäßig ihre Schützlinge untersuchen.

Pferdehilfe: Welche Erkrankungen und/ oder Versehrungen begegnen Dir bei Pferden im Arbeitsalltag am Häufigsten? Siehst Du dabei oft deutliche Zusammenhänge zu Haltungsbedingungen, Art & Weise der Fütterung und/ oder Nutzung der Pferde?

Niels Kjaergaard: Mit Sicherheit sehe ich in Hinblick auf behandlungsbedürftige Befunde am häufigsten scharfe Zahnkanten und Verletzungen der Maulschleimhaut durch diese scharfen Kanten. Diese Probleme resultieren zum Teil aus der Tatsache das wir Menschen im Laufe der Domestikation der Pferde ihre Kopfform deutlich verändert haben. Denn diese Schleimhautverletzungen finden sich nicht nur bei Pferden die als Reit- oder Fahrpferd genutzt werden, sondern mitunter auch in erheblichem Umfang bei Zuchtstuten. Im Bereich der Erkrankungen sind es vor allem Parodontosen die beim Pferd eine Rolle spielen. Diese sind bei Pferd häufig zu finden, was vielen Pferdehaltern völlig unbekannt ist. Und das nicht nur bei alten, sondern leider auch bei jungen Pferden wo sie während des Zahnwechsels erhebliche Probleme bereiten kann.

Pferdehilfe: Wie kann ein Pferdehalter selbst den Zustand des Gebisses und der Kieferfunktion bei seinem Pferd beobachten um im Falle einer Disharmonie auch den Zahnarzt hinzuzuholen? Was genau können Pferdehalter tun bzw worauf müssen sie achten (z.B. innerhalb Haltung & Fütterung) damit ihr Pferd im Maul munter und gesund bleibt?

Niels Kjaergaard: Für einen Pferdehalter ist es schwierig den Zustand der Zähne zu beurteilen. Wenn Probleme bei der Arbeit mit dem Pferd auftreten wie zum Beispiel Verwerfen im Genick, „gegen die Hand gehen“, verstärktes Zähneknirschen, Maul öffnen oder Zungenstrecken, dann ist es sicherlich Zeit die Zähne genauer zu untersuchen. Natürlich bei Auffälligkeiten beim Fressen: langsameres Fressen, verstärktes Speicheln oder gar Wickelkauen. Aber Zahnprobleme können sich auch anders äußern wie durch Auftreten von Kotwasser oder Durchfall, Schlundverstopfungen, Verdauungsproblemen oder Koliken. Immer wieder stellen wir an der Klinik fest, daß Patienten mit einer erhöhten Neigung zu Koliken auch häufiger erhebliche Zahnprobleme haben. Zwei Dinge können Pferdehalter besonders beachten um die Zahngesundheit ihres Pferdes zu fördern: Erstens regelmäßige Kontrollen der Zähne und zweitens so viel wie möglich artgemäß füttern – also auf die Wiese stellen.

Pferdehilfe: „Präzise, sicher und stressfrei für das Pferd“ , so sollte eine gute Pferdezahnbehandlung ablaufen. Neben Pferdeverstand und Einfühlungsvermögen spielt adäquate Technologie und eine fundierte Ausbildung von mehreren Jahren hierbei eine Schlüsselrolle. Woran erkennt ein Pferdehalter einen guten Zahnarzt, dem er als Laie sein Tier ja auch anvertrauen muß?

Niels Kjaergaard: Die Herangehensweise, Durchführung und Qualität von Zahnbehandlungen beim Pferd sind einer enorm hohen Schwankungsbreite unterworfen. Es gibt viele unterschiedliche Personenkreise, die sich um die Zahngesundheit der Pferde bemühen. Das geht von Laienbehandler, die teilweise Expertenwissen haben und hervorragende Arbeit leisten über Tierärzte, die wenig oder kaum Wissen haben, bis hin zu Tierärzte, die sich spezialisiert haben. Und es gibt wenige Qualitätssiegel, die einem Pferdebesitzer die Orientierung an diesem Markt erleichtern. Wie soll man also das Besitzer erkennen, ob man einen „guten“ Zahnarzt vor sich hat? Ich denke das wichtigste Qualitätsmerkmal ist die genaue Untersuchung des Patienten. Sowohl die Voruntersuchung des unsedierten Pferdes, sofern der Charakter diese sinnvoll zulässt, als auch die Untersuchung des sedierten Patienten. Mit einem Maulgatter mit Schneidezahnauflagen, nach gründlichem Ausspülen der Maulhöhle, mit einer hellen Lichtquelle und einem Zahnspiegel. Das sind die Mindestanforderungen für eine qualitativ gute Untersuchung. Wenn der „Pferdezahnarzt“ dem unsedierten Pferd ohne Voruntersuchung einen tauchsiederähnlichen Maulkeil zwischen die Zähne klemmt und dann, ohne einen Blick in die Maulhöhle geworfen zu haben, munter drauflos raspelt, denke ich läuft etwas schief.

Pferdehilfe: In der heutigen Welt der Pferdezahnbehandlung gibt es unterschiedliche Philosophien zum Thema Technologie. Grundsätzlich kann sich ein Pferdedentist für die überwiegende Arbeit mit elektrischen Geräten oder die überwiegende Arbeit mit manuellen Instrumenten entscheiden. Kannst Du uns im klinischen Bereich die Vor- und Nachteile erklären? Sind die Unterschiede groß oder eher nicht erwähnenswert?

Niels Kjaergaard: Meiner Meinung nach sind die Unterschiede nicht wesentlich. Ich habe aber auch nie ernsthaft versucht mit manuellen Handraspeln zu arbeiten, sondern mich alsbald für motorbetriebene Zahnfräsen entschieden. Eine gute Ausstattung vorausgesetzt kann ein geübter Behandler mit Sicherheit sowohl mit Handraspeln als auch mit Zahnfräsen eine vollständige Behandlung durchführen. Das Argument mit Handraspeln könne man die Pferde besser unsediert behandeln, halte ich für nicht relevant, da eine genaue und vollständige Untersuchung des Pferdemauls nur am sedierten Pferd routinemäßig möglich ist. Ich denke, dass man mit den Zahnfräsen unter Sichtkontrolle wesentlich präziser arbeiten kann als mit den Handraspeln.

Pferdehilfe: Welcher war Dein bisher schwerster Fall? Und gibt es aussichtslose Diagnosen, bei denen Du nicht mehr helfen kannst (schwere Unfälle mal ausgenommen)?

Niels Kjaergaard: Glücklicherweise kann man meistens helfen. Das ist nicht immer einfach, aber es lohnt sich. Auch ältere Patienten mit erheblichen Zahnproblemen können therapiert werden. Dazu muss man sich zunächst über die Ziele der Therapie und deren Machbarkeit im Klaren sein. Bei älteren Patienten kann man häufig die Fähigkeit Heu zu fressen nicht wiederherstellen, wenn beispielsweise mehrere Zähne extrahiert werden müssen. Hier ist das Therapieziel zunächst mal die Schmerzfreiheit des Patienten. Wenn diese erreicht ist, des Pferd aber kein Heu mehr fressen kann, dann muss man zusätzlich die Ernährung auf eingeweichte Heucobs umstellen. Allerdings habe ich auch schon Patienten mit Zahnproblemen euthanasiert, weil diese noch andere Probleme wie beispielsweise Hufrehe, schwere Arthrosen oder Atemwegsprobleme hatten.

 

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Pferd vor der Behandlung

 

und nach der Behandlung durch Niels Kjaergaard

 

Pferdehilfe: Warum hast Du Dich nach & nach als Tierarzt auf die Zahngesundheit bei Pferden spezialisiert?

Niels Kjaergaard: Das war einer der glücklicheren Zufälle in meinem Leben. Als ich vor zehn Jahren an die Tierärztliche Klinik Domäne Karthaus kam, hatte ich sicher nicht vor Zahnarzt für Pferde zu werden. Und wäre die Zahnheilkunde beim Pferd immer noch auf dem damaligen Stand, wäre ich es auch nicht geworden. Aber genau damals fing es an das Tierärzte sich wieder mit den Pferdezähnen beschäftigten. Und ich habe durch diese Arbeit in den letzten zehn Jahren nicht nur viel über Zähne, sondern noch mehr über Pferde gelernt.

Pferdehilfe: Der Fall Mira Marple war ganz sicher für uns ein besonderer. Nicht, weil das Pony so schlimm dran war…das sind die Pferde meistens wenn sie zu uns kommen. Uns hat die Persönlichkeit und der Kampfgeist dieses kleinen Stütchens wirklich beeindruckt. Hast Du bei Deiner Arbeit mit und an ihr mit einer Erholung wie der Jetzigen gerechnet? Wie sah das Gebiss diagnostisch aus? Wie lief Deine Behandlung von Mira Marple ab?

Mira vor der Behandlung

 

und Mira nach der Behandlung durch Niels Kjaergaard

 

 

Röntgenbild von Miras Gebiss

 

Niels Kjaergaard: Ja, Mira ist in jeder Hinsicht ein besonderer Fall. Vom ersten Moment des Kennenlernens hat mich der Lebenswille dieses Ponies beeindruckt. Als wir uns kennenlernten, war sie schon 28 Jahre alt, war mager, hatte eine nicht therapierte Cushingerkrankung und konnte kein Heu mehr essen. Aber das Auge war wach und lebhaft. Durch und durch ein Pferd das sich nicht aufgegeben hat. Als ich dann an der Klinik zu ersten Mal einen genauen Blick auf die Zähne werfen konnte, musste ich feststellen, daß es sich tatsächlich um eines der schlechtesten Gebisse handelte, die ich je zu Gesicht bekommen werde. Das Ganze bestand nur aus Rampen, Haken und Kanten. Interessanterweise war nur ein einzelner Zahn locker, den ich extrahierte. Die anschließende Zahnbehandlung lief wohl eher unter dem Motto „Schadensbegrenzung“. Richtig essen konnte sie danach immer noch nicht. Also besprach ich mit den Besitzern – einem älteren Ehepaar – eine Futterumstellung auf eingeweichte Heucobs. Nach einem Tag Bedenkzeit rief mich die Besitzerin an und sagte mir, daß sie dies in Folge der schweren Erkrankung ihres Mannes nicht leisten könnten. Sie wünschte eine Euthanasie von Mira. Das wiederum wollte ich nicht, weil mich folgender Gedanke nicht los lies: „Wer mit diesen Zähnen so alt wird, der will nicht wegen seiner Zähne sterben müssen!“ Also habe ich die Pferdehilfe um Unterstützung gebeten und die Besitzerin überzeugt, Mira abzugeben. Ich glaube, daß war eine der besten Taten, die ich in meinem Leben vollbracht habe. Und ohne Euch hätte es nicht funktioniert. Denn was danach geschah, hat mich selbst mehr als nur verblüfft. Ich habe nicht erwartet wie toll und in welch kurzer sich Mira erholt. Sie dient mir immer noch als Beispiel, wenn Patientenbesitzer mir nicht glauben wollen, daß es sich lohnt ein älteres Pferd zu therapieren. Und immer wenn ich diesen Miras Fotos zeige, ernte ich Erstauen und – viel wichtiger – Hoffnung. Ich glaube Mira hat ihrerseits auf diese Weise schon einigen anderen Pferden das Leben gerettet. Mira, Du bist das Wunder!

Pferdehilfe: Niels, die Frage die ich gerne jedem Tierarzt oder Therapeuten stelle. Warum das veterinärmedizinische Studium? Warum bist Du Tierarzt geworden?

Niels Kjaergaard: Bestimmt nicht wegen der vielen Millionen und der vielen Freizeit. Nein, ich wollte gerne ein naturwissenschaftliches Studium belegen bei dem viele Fachrichtungen vereint werden. Medizin ist da eine gute Wahl. Als Tierarzt ist man Biologe, Chemiker, Physiker, Handwerker, Psychologe und manchmal Seelsorger. Ausschlaggebend war allerdings ein Pferd, dem ich sehr viel verdanke. Über eine lange Zeit war diese Stute meine beste Freundin, immer für mich da und jede meiner Sorgen auf ihre Art vertrieben. Vielleicht will ich davon was zurückgeben.

Pferdehilfe: Eine letzte Frage: Was wünscht Du Dir für die Pferde da draußen, welche ja grundsätzlich ungefragt in menschlicher Hand leben?

Niels Kjaergaard: Das die Bestrebungen der letzten Jahre Pferde zunehmend pferdegerechter zu halten weiter vorangehen. Ich finde es gut, daß viele Menschen umdenken und das partnerschaftliche Verhältnis zum Pferd intensiver pflegen. Das Pferdebesitzer immer mehr Wege finden, zusammen mit dem Partner Pferd Freude zu haben ohne ihre Schützlinge dabei auszunutzen.

Zum Ende dieses Interviews beenden wir einen Satz von Albert Schweitzer mit einem wichtigen Gedanken hin zu einer wahren Tiermedizin: »In keiner Weise dürfen wir uns dazu bewegen lassen, die Stimme der Menschlichkeit in uns zum Schweigen bringen zu wollen. Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst zum Menschen macht.« ...und den Tierarzt erst zum Tierarzt.

Danke Niels Kjaergaard und viel Erfolg bei Deiner weiteren Arbeit für Pferde.

 

 

 

 

 

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