Modewort "Dominanz" - Ein ganz persönlicher Kommentar

"Dominanztraining", für mich das Unwort der letzten Jahre, gleich hinter "Pferdeflüsterer" oder "Horsemanship". Wirft man kurz einen Blick auf den Bereich der Hundeerziehung, wird in der Branche mit jeder Menge Halbwissen diskutiert, was denn nun richtig, falsch, veraltet, trendy, wissenschaftlich fundiert, praktikabel oder sonstwas ist.

Eines ist jedoch kristallklar: Dominanztraining ist ein gut florierender Wirtschaftszweig geworden. Über das WIE scheiden sich auch weiterhin die Geister und jeder Anbieter mit jeder erdenklichen Methodik hat wohl die "absolute Wahrheit" für sich gepachtet. Es ist jedoch zumindest eine vorsichtige Entwicklung auszumachen, die endlich weg vom althergebrachten Drill und gewaltsamen Kadavergehorsam führt.


Im Umgang mit Pferden steckt der Wandel zwar grundsätzlich noch in den Kinderschuhen, aber auch hier eroberten in den letzten Jahren jede Menge Pferdetrainer den „Natural-Horsemanship“-Markt. Eines behaupte ich mal frei vorweg: Der Großteil der Reiter dieser Erde verfügt nicht über ausreichendes Wissen hinsichtlich der Kommunikation und Sprache der Pferde (woher auch, man lernt ja nur „reiten“) und man behilft sich im Ausbildungsbereich nach wie vor weitgehend mit dem Klassischen: wenn das Pferd nicht tut was es soll, dann wird es gezüchtigt….das ist die traurige Realität zigtausender Pferde. Dahingehend stellen einige der Horsemanship-Trainer sicherlich eine Alternative dar – aber längst ist nicht alles Gold was glänzt. Man kann in dieser Szene jede Menge gut verschleierten Druck und unglaublich hohen Stress beobachten, dem die Pferde dauerhaft ausgesetzt werden, um zu funktionieren. Mit der angepriesenen "respektvollen Partnerschaft" oder "harmonischen Beziehung" hat das vielmals nicht viel zu tun.

Was nun das Thema Dominanz angeht und die mittlerweile in Mode gekommenen Dominanztrainingsmethoden vieler sogenannter Pferdeflüsterer, Pferdetrainer und Pferdekommunikatoren.

Der Begriff Dominanz wurde in den letzten Jahren derart verunglimpft, überladen, fehlinterpretiert, ausgelutscht, überzogen und mit den unmöglichsten Inhalten vollgestopft, dass man ihn überhaupt nicht mehr nutzen kann ohne ordentlich Verwirrung zu stiften. Schade eigentlich….

Dominanz-Hierarchien sind bei Tieren wie auch Menschen zu finden. Individuum A schränkt die Rechte und Freiheiten von Individuum B ein, was von B akzeptiert wird. Also Dominanzverhalten, wenn ein Individuum das Verhalten von einem anderen Individuum kontrollieren möchte. Mehr beinhaltet dieser Begriff erst einmal nicht.

 

 

 

Dominanz ist allerdings kein festgelegtes Dogma, sondern wird in Herdensturkturen beziehungsspezifisch und sehr situationsabhängig angewandt. Und wenn man es so betrachtet, dann sollte klar werden, dass wir im Umgang mit Pferden nicht grundsätzlich dominant sein können oder sollten und es auch keine grundsätzlich dominanten oder weniger dominanten Pferde gibt. Es gibt allerhöchstens ein Dominanzverhalten, welches in einer gewissen Situation den Führungsanspruch eines Individuums festlegt. Das sehe ich bei Hunden übrigens ebenso. Es gibt weder grundsätzlich dominante Hunde noch sollte der Halter grundsätzlich dominant auftreten.
Es wäre wünschenswert wenn wesentlich vorsichtiger mit den Begrifflichkeiten und auch mit dem überzogenen Anspruch an die Führungsrolle umgegangen würde. Ich habe ein Pferd nicht zu unterdrücken oder ihm ständig zu zeigen dass ich der Chef bin, denn das schafft keinerlei Vertrauen und noch weniger ein entspanntes Verhältnis zueinander.


Dauerhafter Dominanzdruck schafft nur Frustration, Resignation, hochgradigen psychischen wie auch körperlichen Stress und irgendwann Gegenwehr.

Man hat in einem gesunden Umgang mit dem Pferd nicht etwas zu fordern, sondern in erster Linie etwas zu leisten: Sicherheit schaffen und wohlwollend konsequent die Führungsrolle dann in Anspruch nehmen, wenn sie von Nöten ist. Sicherlich bedeutet das unter Umständen auch mal, dass man seinen Anspruch auf Führung verteidigt.

Für das Pferd sollte dabei aber ausschliesslich Folgendes herauskommen: eine sichere Position und ein fürs Pferd positives Ergebnis. Und da hakt es bei den meisten Pferdemenschen leider erheblich.

Ich beobachte eher hilflose, überforderte, resignierende, gestresste oder fast lethargisch gehorsame Pferde, die dem ständigen Dominanzdruck ihres Trainers Nichts mehr entgegensetzen und sich soweit wie möglich von der Aussenwelt abschirmen. Oder ich beobachte Pferde, die erheblich aggressiv auf diesen ständigen Überdruck reagieren und irgendwann in die Selbstverteidigung gehen. Ich nenne es hier mal Notwehr. Manch ein Pferdefachmann würde dies vielleicht eher als Ungehorsam betiteln…oder im schlimmsten Fall als Dominanzverhalten des Pferdes.

Im Zuge meiner Kritik an den übermäßigen Dominanztrainingsexzessen wird mir dann häufig folgende Frage gestellt: Komme ich denn komplett ohne Dominanzverhalten aus? …da muss ich aus der Praxis heraus antworten: ganz klar NEIN!
Denn ohne dieses Verhalten wäre auch eine Herdenstruktur unter Pferden nicht aufrecht zu erhalten. Ohne dieses gewaltfrei mögliche Verhalten wäre es nicht machbar, sich und das Pferd sicher von A nach B zu bewegen und Situationen zu vermeiden, die gefährlich werden könnten. Gänzlich ohne Dominanzverhalten würde sich ein Herdentier nicht sicher fühlen und auch nicht freiwillig führen lassen. Und ohne Sicherheit gäbe es niemals Vertrauen!
Es ist eben eine Frage der sinnvollen und wohlwollenden Kommunikation, eine Frage des Verständnisses und des richtigen Zeitpunktes, wann ich dominanten Druck ausüben muss und wann ich dies eben nicht tue, damit mein Pferd nicht zu einem Roboter wird, dessen Seele ich mit ständigem dominanten Malträtieren ebenso ernsthaft schädigen kann wie mit körperlicher Züchtigung.


 

 

 

 

 

Text: Nico Welp
Bilder: Copyright PFERDEHILFE PRO EQUINE e.V.


 

 

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