Das Besondere im Detail– Teil 1

 

Pferdeschutzarbeit ist anstrengend und wird begleitet von grausamen Bildern, schockierenden Erlebnissen und niederschmetternden Ergebnissen.
Manchmal – in meinem Fall eher selten - findet man aber auch etwas ganz anderes. In seltenen Fällen treffe ich auf außergewöhnliche Menschen, die mich daran erinnern, dass es nicht nur die Schattenseiten gibt. Sei es auch nur für einen Bruchteil meiner Zeit – kurzweilige Momente lang.

Hinter einem meines Erachtens gelungenen Umgang mit Pferden steckt allerdings nicht ein großes Geheimnis oder gar ein Wunder. Ich mag die Glorifizierung vom sog. „Pferdeflüsterer“ und den Hype nicht, der daraus erwächst. Es geht dabei nicht um Überirdisches. Es handelt sich meiner Überzeugung nach um einen gekonnten Mix aus

Ruhiger Disziplin,
Lernbereitschaft,
Offenheit,
Kommunikationsfähigkeit,
Hingabe,
Bewusstsein,
Beobachtungsgabe,
geschärften Sinn,
Respekt,
Verantwortung
und kontinuierlicher Arbeit an einem selbst.

All diese Faktoren machen die friedvolle, harmonische und erfolgreiche Kommunikation mit einem Pferd möglich. Erlernbar – wenn man bereit ist viel von sich preiszugeben und auch abzugeben.

Die wahre Besonderheit, die Einzigartigkeit entsteht für mich durch den Charakter der Person und die zusätzliche Fähigkeit an andere weiterzugeben, was man auf teils langen Wegen gelernt hat. Das reichte in diesem Fall für mein Interesse aus, ein Interview zu führen.

Ein Interview mit einer kleinen Frau, die mit ihrer Gabe Großes umsetzt

…zurückhaltend, konzentriert, mit Bedacht, mit Leidenschaft und mit einer tiefen Liebe zum Pferd. Ohne Pferde wäre sie ein Stück weit um ihr Leben betrogen – würde vielleicht etwas verloren in dieser Welt stehen. Sie hat etwas Gutes daraus erwachsen lassen. Etwas Gutes für diese sensiblen Fluchtiere und mit einer Botschaft im Gepäck an all die, die mit Pferden umgehen. Einen Teil davon möchte ich gerne auffangen und veröffentlichen.

Ob wir hinsichtlich der Pferdewirtschaft in allen Bereichen der gleichen Meinung sind?
Warscheinlich nicht.
Aber das muss auch nicht sein und wäre auch uninteressant.

Selten hat der Satz so gut gepasst wie bei ihr – klein aber oho!

Nico
Pferdehilfe pro equine e.V.


 

Das Besondere im Detail– Teil 2

Vorwort (Nico Welp)

In einer Welt mit einem Meer an Möglichkeiten bleibt der Großteil der Menschen auf der Insel des Status Quo. Unbeweglich, teils beratungsresistent, fehlgeleitet, bequem oder auch zwangserblindet bezieht man sich auf das was ist und immer war – und sieht nicht, was sein könnte. Und manchmal, ja manchmal ist es anders…
Es ist schön auf etwas zu treffen, was den Horizont erweitert, bereichert, neue Wege eröffnet, den Blickwinkel auf vermeintlich bekannte Dinge verändert und die Sinne zur Gestaltung anregt.
Am Anfang steht die Bereitschaft, sein Bewusstsein zu erweitern. Vielleicht können wir ein wenig Bereitschaft wecken – hin zu einem Meer an Möglichkeiten.

 

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Gebiet Verhaltenstherapie für Pferd & Mensch
Interview mit Bettina Bunne

 

Pferdehilfe: Wann hast Du angefangen mit Pferden so zu arbeiten, wie Du es heute tust?


B. Bunne: Von klein auf habe ich immer wieder Pferdeberührungen gehabt. Mein Opa hatte eine kleine landwirtschaftliche Pferdezucht und da bin ich schon als Kleinkind unter und über die Pferde gekrochen, habe dort etwas verweilt und beobachtet - immer ohne jegliche Schrammen. Wer mich suchte wurde fündig bei den Pferden.


2Richtig bewusst auf eine besondere Art zu arbeiten habe ich mit meinem ersten eigenen Pferd begonnen, dem Araber Jarib ibn Jassin. Zuvor habe ich viele Pferde betreut, geritten, aufgezogen...aber noch nie wurde ich mit so einer geballten Ladung Energie & Wut konfrontiert- entstanden aus überschäumendem Übermut und Flegelverhalten, explodierend in einer hundertstel Sekunde -  ohne Rücksicht auf Verluste. Dazu muss ich sagen das Jarib sozusagen in meinem Schoß geboren wurde, ein totales Mamasöhnchen war und ein wunderschönes Fohlenleben geführt hat. Er musste keine schlechten Erfahrungen machen. Mit 1,5 Jahren begann unverhofft, trotz Fohlenerziehung, kleinen Geschicklichkeitsaufgaben und Kopfaufgaben eine Rüpel-Flegel-Phase die es in sich hatte. Es wurde sehr gefährlich und ich wusste: hier geht es mit einer normalen Erziehung nicht weiter, es hiess also: konzentrierte Verhaltensanalysen führen.
Das war der Beginn und die Basis meiner heutigen Arbeit:  Kommunikation, Erziehung und auch Therapieform.



Pferdehilfe: Wodurch zeichnet sich Deine Arbeit am Pferd & am Menschen aus, wo liegen die Unterschiede zu anderen Verfahren? Wie hast Du Deine heutige Arbeitsweise entwickelt? Und wie lässt sich diese Arbeitsweise beschreiben?


4B. Bunne: Das Werkzeug meiner Arbeit ist eine reine Kommunikation, basierend auf Körpersprache und natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes und nicht von der von Menschenseite her abgeleiteten Verhaltenskorrektur oder gar Dressur. Das unterscheidet mein Wirken vielleicht von anderen Verfahren. Ich "dolmetsche" sozusagen die gesamte Kommunikation des Pferdes für den Menschen und zeige auf, wie eine verständliche Reaktion in Richtung Pferd zu entgegnen ist. Es geht um klares Agieren & Reagieren beider Seiten, wohlwollend und letztendlich harmonisch. In der Praxis kann das Verdeutlichen der Wechselwirkungen schallendes Gelächter meiner Schüler ernten, doch letztlich versteht mich jeder sofort...und die Ergebnisse überzeugen. Zweck erfüllt.


Pferdehilfe: Wie beginnst Du Deine Arbeit, wenn ein Dir fremdes Pferd erstmalig vor Dir steht? Wie läuft das praktisch ab?



B. Bunne: Wenn ich zu einem Notfall oder auffälligem Pferd gerufen werde, bin ich erst einmal stiller Beobachter. Für mich wichtig: Sozialverhalten anderen Pferden gegenüber, Begegnungsweise mit dem Halter und weiteren Personen, Alltagsabläufe, Haltungsbedingungen und Fütterung, körperliche Verfassung (worunter auch das Exterieur, Hufe, Gesundheits- und Futterzustand und am wichtigsten der Gesichtsausdruck fallen) und schließlich die Demonstration des Fehlverhaltens.

Daraus entwickele ich eine individuelle Begegnungs-Verhaltenstherapie, die wirklich, und da gibt es keine einzige Ausnahme, nur auf dieses eine Pferd abgestimmt ist.
Es gilt, dem Halter und den Personen, die in Kontakt mit diesem Tier stehen, sein Verhalten darzulegen und zu begründen. Dem Menschen wird geholfen, aus seiner persönlichen Hülle auszusteigen um dem Tier so neutral wie möglich entgegentreten zu können. Dies bedingt mitunter auch die eigene Erkenntnis: ich habe selbst Probleme in diesem Kommunikationsumfeld, die hier Nichts zu suchen haben und manchmal sogar dafür verantwortlich sind das Probleme erst entstanden sind. Probleme, die sich schleichend aufbauen und schliesslich kontrollentgleitend bis gefährlich werden. Der Mensch hat darüber hinaus zu lernen dass es unter den Pferden genauso viele unterschiedliche Charaktertypen gibt wie bei uns Menschen auch.


Grob gefasste Typisierung (es gibt allerdings sehr viele Variationen):


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  • weich und lieb, still, zurückhaltend und immer bedacht nicht aufzufallen
  • bollerig und rüpelhaft- kein Taktgefühl
  • energisch temperamentvoll - schnell auf 180 zu bringen
  • dominant und aggressiv agierend
  • ängstlich, ausweichend bis hysterisch
  • 08/15- der typische Mitläufer - anpassungsfähig
  • hochintelligent ( Genie und Wahnsinn )


 

 

Wenn der mentale Charakter zugeordnet ist und der Mensch in seiner immer neutralen Haltung gefestigt ist kann es losgehen.
Es ergibt sich relativ schnell ein gemeinsamer Arbeitsnenner und das Pferd wird auf eine angemessene Art - ich nenn es jetzt mal Erziehung - bereit gemacht zu kommunizieren und sich zu binden. Dies ist die Basis für ein absolut harmonisches Miteinander in dem beide aus sich herauskommen und über sich hinauswachsen. Das Ergebnis - ein immer weiter fortlaufender Prozess, welcher nie ganz beendbar ist-  verspinnt die Seelenbande immer fester und tiefer. Das ist schwerlich bis unmöglich mit Worten zu beschreiben. Meine Schüler sind meist zutiefst berührt bis schockiert von dem Tiefgang des Geschehens. Pferde können unglaublich viel geben und entwickeln jeden Menschen weiter. Ein Lernen miteinander, füreinander und voneinander.



Pferdehilfe: Welcher Deiner „Fälle“ war für Dich der Schlimmste, Anstrengenste oder gar eine absolute Enttäuschung?


B. Bunne: Schwer zu beantworten...ich bin niemals von der Seite des Pferdes enttäuscht, wohl aber von manchen Menschen, in die man viel Zeit und Herz investiert hat und die, wenn das Problem beseitigt ist, in alte Verhaltensmuster zurückfallen und dann das Pferd oder gar mich dafür verantwortlich machen. Manchen 8ist leider nicht zu helfen weil sie es nicht wollen. Am liebsten würden sie 20 kg Lösung kaufen - aber schön verpackt damit niemand sieht dass es überhaupt ein Problem gibt.

Es gab von der Pferdeseite her schon so manche Situationen, die sehr gefährlich für mich geworden sind und wenn ich einem Pferd am Boden schon mit Kappe und Sicherheitsweste entgegentrete, dann rufen die Leute, denen ich lieb und teuer bin, den Bestatter an.
Mir stellt sich aber kein Pferd als Problem dar- das Problem ist meist der Mensch in seinem Trott.


 

  
Pferdehilfe: Ziele Deiner Arbeit? Botschaft?


B. Bunne: Ziel meiner Arbeit ist ein geklärtes Miteinander, klare faire Ansagen und Anforderungen an beide Seiten, die Vertrauen möglich machen. Nicht jeder muss über die Basis Erziehung hinausgehen, aber wirklich tiefe Verbundenheit ist das was ich weitergeben möchte. Dafür sind manche Menschen nicht gemacht. Ein Pferd, welches einmal dazu bereit ist alles von sich zu geben, fesselt sich emotional an einen und man zerbricht einen Teil des Tieres, werden diese sensiblen Bande gekappt. Absolute Sensibilität und Rücksicht liegen in der tiefsten Verantwortung, beschreitet man diesen Weg. Einen Weg, den ich aber nur denjenigen öffne die sich als verantwortungsbewusst genug erweisen damit umzugehen. Es ist obendrein ein Weg der Zeit...das darf man nie vergessen oder unterschätzen, denn Zeit ist kostbar.

Es gibt meines Erachtens vier grobe Kategorien Menschen in der Pferdeszene:

Die, die resistent gegen jegliches Gute sind. Nichts machbar.

Die, die davon gehört haben dass es auch noch etwas anderes zu entdecken gibt an dem Sportgerät oder Gebrauchsgegenstand Pferd. Bisher nur Theorie.

Die, die es laienhaft aber gefühlvoll selber geschafft haben den richtigen Weg zu finden und sich dort immer weiter entwickeln. Ganz besonders.

Die, die gefühlt haben worum es dem Pferd geht und die dies mit ihren eigenen Wünschen kombinieren wollen. Sie müssen nur lernen wie, brauchen Anleitung.

Es werden zum Glück immer mehr die, darauf achten in jeder Hinsicht das Beste für ihr Pferd zu finden – von der Haltung bis zum Umgang. Ein kleiner Hoffnungsschimmer in der sonst so kalten und unverstandenen Welt des Pferde(miss)gebrauchs.

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Pferdehilfe: Was möchtest Du den Menschen draußen mitgeben?



B. Bunne: Namhafte Trainer in der Sparte der Bodenarbeit sind trotz aller Medien vielen immer noch unbekannt. Viele Reiter folgen nach wie vor dem klassischen Tunnelblick der Reiterei, immer nur geradeaus und interessieren sich nicht wirklich viel dafür was der tierische Partner durchmachen muss...solange die Leistung stimmt geht es doch und wenn man mal nachhelfen muss, dann wird das auch getan- meist mit Gewalteinwirkung.


Zum Glück gibt es aber auch den immer größer werdenden Teil derer, die mit offenen Augen durchs Leben gehen sich inspirieren lassen von Gesehenem und auch mal kritisch hinterfragen ob das alles so richtig ist was vorher gemacht wurde. Die Bereitschaft umzudenken wächst, dies lässt mich auch mit stets steigender Motivation arbeiten und immer mehr lächeln.
Es lohnt sich für ein friedliches Miteinander alles zu investieren was man geben kann. Das möchte ich mitgeben und fördern.



Pferdehilfe: Gibt es Fälle, die Du ablehnst? Wenn ja, aus welchen Gründen?

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B. Bunne: Erkenne ich, dass der Sinn nicht nach einer sinnvollen Zusammenarbeit steht, sondern das Pferd als Präsentationsobjekt im Vordergrund steht, oder gar nur gefügig gemacht werden soll, lehne ich Anfragen ab. Leute, die emotions- und beratungsresistent sind, trainiere ich nicht, denn dann mache ich das Pferd noch angreifbarer. Wenn ich dem Menschen, der nichts Gutes beabsichtigt, den Weg zum Innersten weise, gebe ich ihm eine schlagkräftige Waffe an die Hand. Es obliegt alleine meiner eigenen Verantwortung und da kann es auch mal sein dass ich eine Anfrage vehement ablehne, nie aber tierische Notfälle, die werden therapiert und in wissende Hände vermittelt werden können.

 



Pferdehilfe: Wie gestaltet sich Deine innere Haltung zu prominenten Trainern wie z.B. Parelli, Roberts etc.? Zuschauer  verwechseln Kommunikation mit Pferden oft mit Flüstern, Magie oder HokusPokus. Viele sog. Pferdeflüsterer leben von diesem Irrtum ganz gut. Wie stehst Du dazu?


B. Bunne: Meine innere Haltung zu prominenten Trainern: Nun ja, wenn ich damit total übereinstimmen würde dann würde ich genauso praktizieren wie sie, weiter möchte ich das hier gar nicht ausführen. Es würde dann Seite um Seite mit Analysen, Fehlern, Fehlverhalten, gutem Erfolg und weniger Gutem füllen.
Nur soviel: solche Leute haben tatsächlich und nachhaltig dazu beigetragen, dass bis heute viele Menschen wach wurden und andere Wege als die bisher Üblichen gehen wollen. Nur, und das ist nicht auf Einzelne bezogen: sobald daraus eine Verdienst-Kommerz-Quelle wird und es vorrangig um die Vermarktung eines angeblichen Heilproduktes mit Erfolgsgarantie geht, wird die Arbeit mehr als zweifelhaft. Die Zuschauer sehen Arbeitsweisen, die ihnen - natürlich mit kostenintensiven Gegenständen/ Merchandising-Produkten gespickt - leicht gemacht werden sollen. Letztlich haben wir nur noch ein schnelles Gefügigmachen des Pferdes vor uns und einen Pferdehalter, der sich durch schnellen Erfolg bestätigt fühlt das Richtige getan zu haben. Ergebnis ist ein zufriedener Kunde,  ein Trainer der ohne Anwesenheit und persönliche Anleitung Geld verdient hat und ein mitunter gebrochenes Pferd. Das eigentliche Problem wird dabei nur irrtümlich beseitigt.

Es ist durchaus zu erkennen das Jeder mal einen guten Ansatz hatte und sich wirklich auf das Pferd berufen hat, doch darf es nie so ausgehen das jedem ein Hetz Join Up zugänglich gemacht wird, wenn die untrainierten Menschen nicht wissen was sie damit anrichten können. Nur in vollkommen erfahrene Hände kann die Korrektur oder das Zurückholen eines Pferdes gelegt werden. Jeder, der ohne Kenntnis versucht sein braves Pferd zu hetzen oder zu treiben, grundlos weichen zu lassen, macht sich mehr kaputt als das er Bande knüpft. Jeder, der versucht ohne Kenntnis ein Problempferd zu hetzen oder zu treiben, grundlos weichen zu lassen, gefährdet seine eigene Gesundheit und die des Tieres.

Abschließend möchte ich jedem empfehlen mit Herz und Verstand zu beobachten, zu überdenken und zu handeln. Man sagt nicht ohne Grund „Pferde sind ein Spiegel unserer selbst“. Jedes Wort für sich trägt den doppelten Wahrheitsgehalt in sich.

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Fotos mit freundlicher Genehmigung von Bettina Bunne, Barbara Nielewski und Britta Liebig.
Alle Bilder unterliegen dem Copyright der angegebenen Personen.

 


Text: Nico Welp, PFERDEHILFE PRO EQUINE e.V.

 

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