Auch Pferde werden alt...wenn man sie lässt!

Erschreckend genug ist es, dass man diesen Umstand am Besten als Hinweis zur Packungsbeilage eines Pferdes stecken müsste. Pferde sind Partner, Freunde, Lebensbegleiter, leider zum Grossteil aber immer noch zu einem "Sportgerät" degradierte Dienstleister. Mir fällt es immer wieder schwer zu realisieren, dass es sich in den meisten Fällen auch heute noch folgendermaßen darstellt:

Ist das "Sportgerät" kaputt oder alt, muss es weg

Freundschaft, Verantwortung oder gar liebevolle Zuwendung sind dann urplötzlich vergessen…oder behaupte ich jetzt einfach mal: waren nie wirklich da!
Der Umgang mit Pferden, die dem Leistungsanspruch ihrer Halter nicht mehr gerecht werden, kann und muss als geradezu skandalös beschrieben werden. Neben den ernsthaften Notfällen und Notlagen erreichen uns fast täglich Anfragen von Menschen, die sich auf kostengünstige und einfache Art & Weise ihrer gehandicapten Pferde entledigen wollen.
Als wäre ein Pferdeschutzhof eine Art Schrottplatz für sog. unbrauchbare Pferde.Traurig und schockierend, aber wahr. Diesem Ansturm kann man natürlich nicht gerecht werden, auch wenn man den betroffenen Pferden (nicht den Haltern!) gerne helfen würde.

 

Das buchstäbliche Fass ohne Boden.

Im Bereich der Haustierhaltung lässt sich ein Wandel feststellen, dass der geliebte Hund in der Familie auch alt werden darf…im Bereich der Pferdehaltung hingegen scheint es noch zu keinem Bewusstseinswandel gekommen zu sein. Ein Umstand der wütend macht, der traurig macht und der nicht hinnehmbar ist.

Ich möchte hier jedoch auch anmerken, dass es durchaus Menschen gibt, die sich ihrer Verantwortung gegenüber ihrem Pferd als Tier, nicht als "Ware" oder "Sportgerät", bewusst sind und sich um eine gute Versorgung im Alter bemühen.
Letztlich ist man seinem Tier gegenüber dafür verantwortlich, dass die Lebensqualität im Alter erhalten bleibt und man den Tag erkennt, an dem das Tier einem signalisiert, dass diese nicht mehr haltbar ist.
Ich weiss, dass das Erkennen des richtigen Momentes für den Abschied nicht immer einfach ist und manchem liebevollen Halter fällt der Abschied derart schwer, dass er sein Tier auf Biegen und Brechen am Leben erhalten möchte, auch wenn die Lebensqualität des Pferdes nicht mehr erkennbar ist. Ja, auch diese Fälle gibt es. Man sollte sich früh genug mit dem Tag X auseinandersetzen, sich mental darauf vorbereiten, dass es einen Abschied geben wird und das man zugunsten seines Pferdes entscheiden wird und nicht sich selbst aus Verlustangst zu schützen versucht.


Das alternde Pferd - ein paar Tipps für alle verantwortlichen Pferdehalter, die sich zusammen mit ihrem alternden Pferd einen schönen Lebensherbst gestalten wollen…denn ja, das geht!

Pferderentner haben wie alle anderen alternden Lebewesen sich verändernde Ansprüche an ihre Haltung und ihre Ernährung. Darauf kann man sich zusammen mit seinem Pferd vorbereiten und die Zeichen der Zeit erkennen.
Wie bei Menschen auch, lässt sich das biologische Alter des Pferdes sicherlich in Jahren angeben, das individuelle Alter ist jedoch etwas ganz anderes. Man stempelt heute ein Pferd ab dem zwanzigsten Lebensjahr schnell mal als „alt“ ab, auch wenn es noch vollkommen vital ist. Wie auch bei Menschen sind die Lebensvergangenheit, die Aufzuchtbedingungen, der Pflegezustand, die Ernährung, der physische Verschleiss und auch das psychische Befinden ein wichtiger Faktor und man sollte sehr individuell beobachten, auf welchem individuellen Stand sich das eigene Tier befindet. Ebenso nehmen Rassezugehörigkeit und Zuchtlinien genetisch Einfluss auf die die durchschnittliche Lebenserwartung (wenn auch nicht vorwiegend). Wir können allerdings mit Sicherheit sagen: ein Pferd wird ebenso individuell alt, wie man es beim Menschen beobachten kann.

Frei nach dem Satz: „Das Alter hört sich gern, auch wenn es Nichts zu sagen hat“ ist man gut damit beraten, sein Tier im Alterungsprozess genau zu beobachten und nicht blind irgendwelchen Statistiken und Daten zu folgen. Die sich verändernde Optik und das Verhalten des Pferdes zeigen sein individuelles Alter wesentlich besser an als ein Blick auf das Geburtsdatum im Pferdepass.


Wohlwollende Rentnerpflege - Gesundheitsfürsorge
Aufgrund des natürlichen Verschleiss und/oder spezieller Umwelt-/Umfeldbedingungen ist es wichtig, die Zähne älterer Pferde regelmäßig kontrollieren zu lassen. Pferde, die plötzlich an Gewicht verlieren oder nicht mehr ausreichend fressen, schlecht kauen, ihr Futter oft ausspucken anstatt es zu schlucken…können unter Zahnproblemen leiden, die innerhalb kurzer Zeit zu einem gewaltigen Gesundheitsrisiko werden können.
Damit sie ihre Nahrung optimal aufnehmen und verarbeiten können, ist es unabdingbar, dass man entsprechend ihres Gebiss- und Gesundheitszustandes füttert. Ein turnusmäßiger Check des Allgemeinzustandes und der Zähne durch einen Tierarzt wie auch die regelmäßige Entwurmung eines Pferdes sollten ganz selbstverständlich auf dem Plan stehen.
Ebenso ist es wichtig, die Hufpflege bei alten Pferden ebenso genau zu verfolgen wie bei jungen Pferden auch. Auch wenn sich das Pferd nicht mehr so viel bewegt wie es das mal in jüngeren Jahren getan hat, ist tägliche Bewegung unabdingbar um gesund zu bleiben. Die Gesunderhaltung der Hufe durch regelmäßige Pflege ist ein wichtiger Bestandteil für ausreichende Bewegungsfreiheit, damit es nicht zu Steifheit und übermäßigem Muskelabbau kommt.

Fütterung & Haltung
Eine ausgewogene Fütterung ist bei allen Pferden wichtig, damit sie möglichst gesund und wohlbehalten ein hohes Alter erreichen. Mit zunehmender Alterung des Pferdes verändert sich auch sein Stoffwechsel und der gesamte Verdauungsapparat arbeitet oftmals nicht mehr so reibungslos wie bei jungen Pferden. Das ist allerdings ein vollkommen natürlicher Prozess, der auch beim Menschen und allen anderen Tieren zu beobachten ist und stellt keine Krankheit dar…allerhöchstens eine Veränderung, der man sich als Verantwortlicher anpassen muss. Meist haben ältere Pferde eine schlechtere Aufnahme von Nährstoffen und es sollte ein individuell angepasster Futterplan erstellt werden. Kann der Bedarf an essentiellen Aminosäuren, Mineralien und Spurenelementen sowie an Vitaminen über die bisherige Fütterung nicht mehr ausreichend abgedeckt werden, wird eine Zufütterung über geeignete Ergänzungsfutter notwendig. Zink und Selen sollten Sie bei älteren Pferden ausreichend zur Verfügung stellen. Um die Verdauung zu unterstützen hat sich die Gabe von pflanzlichen Speiseölen als sehr wirkungsvoll erwiesen. Ebenso ist das Zufüttern von Hanf eine gute und überaus hilfreiche Wahl zur Gesunderhaltung oder Gesundung. Auf übermäßige Eiweissquellen sollte bei alten Pferden allerdings verzichtet werden.

Oftmals treten gerade bei älteren Pferden Verdauungsprobleme auf, die durch gute und gezielte Fütterung sowie ausreichend frisches Wasser und täglich genügend Bewegung vermieden werden können. Kommt es zu Verdauungsstörungen führt das schnell zu Gärungen, die zu Aufgasungen und Verstopfungen, und damit zu gefährlichen akuten Koliken führen können.
Wenn man unsicher ist, was und wieviel das Pferd benötigt oder woran es ihm mangelt, dann sollte man sich von seinem Tierarzt beraten lassen bevor man falsch füttert und der Gesundheit seines Tieres damit unbewusst schadet.

Grundsätzlich gilt natürlich, dass jedes Pferd, ob alt oder jung, ständig Zugang zu frischem Wasser haben sollte. Da ältere Pferde oftmals dazu neigen zu wenig Wasser aufzunehmen, kann man ihnen in diesem Fall dafür geeignetes Futter einweichen und somit den Flüssigkeitshaushalt ausgleichen.
Der empfindliche Verdauungstrakt eines Pferdes muss immer in Bewegung gehalten werden. Pferde verbringen die meiste Zeit ihres Lebens mit Fressen und darauf ist ihr gesamtes Verdauungssystem ausgerichtet. Einem Pferd sollten aus gesundheitlichen Gründen keine größeren Fresspausen zugemutet werden (nicht länger als drei Stunden). Der Rohfaseranteil ist in der artgerechten Pferdeernährung sehr wichtig und stellt den größten Faktor dar. Gutes und nährstoffreiches Heu ist bei Pferden unabdingbar und sollte in ausreichendem Maße mehrmals täglich und auch über Nacht zur Verfügung stehen. Bei 24-stündigem Weidegang bedient sich das Pferd seiner natürlichen Nahrungsquelle, dem Gras. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass die Weidepflege ausreichend geleistet und der Wechsel von nächtlicher Heugabe im Stall zu 24-stündiger Weidesaison gut organisiert und langsam vollzogen wird. Alte Pferde, die Probleme mit der ausreichenden Aufnahme von Heu und/oder Gras haben, sollten mit aufgeweichten (!!!) Heucobs genügend zugefüttert werden.
Wie auch bei jungen Pferden sind auch im Alter artgerechte Haltung und Fütterung sowie ein pferdegerechter Umgang Grundvoraussetzung für ein zufriedenes und gesundes Pferdeleben. Genug Bewegung (!) an frischer Luft, ein gutes Stallklima, täglicher Weidegang und Freilauf, die richtige Fütterung, ein Leben mit Artgenossen im Herdenverband, ein gut gepflegter (Offen-)Stall und ein guter körperlicher Pflegezustand sind die Grundzutaten für ein langes und gesundes Pferdeleben.

Und noch etwas, was ich an dieser Stelle gerne erwähnen möchte da es leider viel zu selten thematisiert wird:
Ihr Pferd wird alt…gegen das Altern können Sie Nichts tun. Aber es sollte nicht alt und einsam werden!

Pferde sind sehr soziale Tiere und benötigen unbedingt den täglichen sozialen Kontakt zu ihren Artgenossen. Nichts ist schöner als der tägliche Weidegang mit den tierischen Kumpels! Auch in fortgeschrittenem Alter! Des Weiteren ist es so, dass manche Pferde enge Beziehungen zu ihren Menschen aufbauen, die sie gewohnt sind. Man sollte seinem alternden Pferd mit Aufmerksamkeit begegnen und ihm Zeit widmen, wenn auch die Freizeitgestaltung vielleicht etwas anders ausschaut als vorher. Die Seele streicheln nicht vergessen…Zuwendung…das Putzen mal nicht um der Sauberkeit wegen sondern als wohlwollende Massage für den tierischen Begleiter…ein schöner gemeinsamer Spaziergang, damit das Pferd auch mal was anderes sieht als seine Koppel und den Stall…Streicheleinheiten und miteinander Spielen…all das kann vom Pferd sehr positiv aufgenommen werden, seinen Geist anregen und seine Beweglichkeit wie auch seine gesamte Gesunderhaltung fördern.
Und ganz im Ernst: nicht nur die Ihres Pferdes!

Text: Nico Welp
Bilder: Copyright by fotolia.com und PFERDEHILFE PRO EQUINE e.V.

 

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