Artgerechte Pferdehaltung

Wenn man sich im Bereich der Pferdehaltung umschaut, begegnen einem verschiedene Haltungsformen. Um das Richtige für das Pferd (und nicht für den Reiter!) herauszusuchen, bedarf es einem schonungslos ehrlichen Blick auf die natürlichen Bedürfnisse dieses Steppen- und Herdentieres.

Leider ist es auch heute noch so, dass die meisten Pferde einer Haltungsform ausgesetzt werden, die eher dem Reiter und nicht dem Pferd die optimalen Bedingungen verschafft. In Punkto artgerechter Pferdehaltung befindet sich die Pferdewirtschaft noch in der Steinzeit. Es mangelt nicht an Wissen, soviel steht heutzutage fest. Es mangelt wohl eher an der Bereitschaft zugunsten des Pferdes die eigene Bequemlichkeit hinten anzustellen.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist sogar unsere Überschrift schon falsch. Es gibt keine „artgerechte“ Pferdehaltung in Menschenhand. Warum man das leider so deutlich sagen muss? Weil wir die dazu notwendigen Flächen nicht haben, weil die heutige Nutzung eines Pferdes dem im Wege steht und weil wir Pferde nicht gänzlich artgerecht ernähren können. Diese Hürde ist unüberbrückbar und bringt uns in die Lage das für Pferde geringste Übel der „Haltung“ so tiergerecht zu gestalten, dass ein Pferd sich trotz allem wohl fühlen kann.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die gängigen und weit verbreitenden Haltungsformen.


Boxenhaltung


Leider immer noch die gängigste Form der Pferdehaltung. Trotz erheblich verbesserter Kenntnisse bezüglich des natürlichen Pferdeverhaltens, den arteigenen Bedürfnissen und der gesamten Physiologie des Pferdes vollzieht sich ein aktiver Wandel in Richtung bedarfsgerechter Pferdehaltung nur sehr langsam und ausschliesslich innerhalb kleiner Randbereiche der Pferdewirtschaft. Die Nachteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes liegen auf der Hand und sind auch nicht wegzudiskutieren, geschweige denn zu übersehen.

Boxenhaltung bedeutet, dass ein Lauftier in seiner für die Gesunderhaltung notwendigen Bewegungsfreiheit gestört bzw. erheblich eingeschränkt wird. Der gesamte Pferdeorganismus ist auf ständige Bewegungsmöglichkeit ausgerichtet. Ein Pferd ist immer noch ein Steppentier, welches in natürlicher Umgebung weite Strecken zurücklegt und bis zu 20 Stunden am Tag frisst, um den Organismus gesund zu erhalten. Darüber hinaus sind die vom Pferd in einer Box gezeigten Bewegungsmuster unnatürlich angelegt und einseitig, was auf Dauer zu körperlichen Schäden führt. Weiterhin stört die Boxenhaltung die Sozialstruktur eines artgerechten Herdenlebens erheblich, so dass die Tiere mit ihren Artgenossen nicht auf natürliche Art & Weise umgehen können. Dazu kommen weitere verheerende Faktoren, die den physiologisch als Lauftier aufgebauten Pferdeorganismus beeinträchtigen wie z.B. gleichbleibende Temperatur im geschlossenen Stall (gestörter Fellwechsel inkl.), zu wenig Frischluft, das ständige Einatmen von Ammoniak und Staubpartikeln, sowie Beschäftigungslosigkeit und ein unnatürlicher Fütterungsrhythmus (vom meist unnatürlichen Futter mal ganz abgesehen). Weiterhin müssen Pferde oft in Boxenreihe stehend mit Nachbarn umgehen, um die sie in natürlicher Umgebung einen großen Bogen machen würden. Nicht alle Pferde verstehen sich gut oder passen zueinander. Der ständige dadurch verursachte Stress und die Ausweglosigkeit (fehlende Fluchtmöglichkeit) führt zu teils gravierenden Störungen.

All das führt dazu, dass Pferde in Boxenhaltung wesentlich anfälliger werden als es ihrer Natur entspricht. Sie neigen zu Erkrankungen der Hufe, Erkrankungen des gesamten Bewegungsapparates, Verdauungsstörungen, verheerenden Verhaltensstörungen, Lungenerkrankungen, Langzeitschäden der Organe, Sehnenproblemen, verfrühter Alterung, Fettleibigkeit, Gelenkschäden, Zahnproblemen, Muskelblockaden, Rückenschäden, Pilzerkrankungen etc.pp. und sind dauerhaft nur aufgrund tierärztlicher Symptombehandlungen einigermaßen „oben“ zu halten.

Erschreckend ist dahingehend, dass ein psychisch oder physisch gestörtes Pferd noch als gesund bezeichnet wird, nur weil es dick und schön sauber ist.


Offenstall- / Robusthaltung

Ein ungestörtes Sozialleben im Herdenverband auf weiten Flächen mit Witterungsschutz und einem vielfältigen Nahrungsangebot ist das „artgerechteste“, was eine Pferdehaltung leisten kann und auch sollte. Die Tiere verbringen den Tag in ihrem eigenen Rhythmus, bewegen sich genug, Ruhen wenn es für ihren Organismus zuträglich ist und sind allen natürlichen Faktoren ausgesetzt, die zur Gesunderhaltung beitragen. Ständige klimatische Veränderungen gehören ebenso dazu wie ein sich durch natürliche Bedingungen verändernde Bodenbeschaffenheit und ein wechselndes Nahrungsangebot entsprechend der Jahreszeiten. Frische Luft, ständiger Bewegungsreiz und natürliche Körperhaltung bei der Nahrungsaufnahme vom Boden, ein nahezu ungebremster Sozialkontakt im Herdenverband…all das hält den organischen Aufbau eines Pferdes fit und gesund sowie sein psychisches Befinden absolut ausgeglichen. Auf Dauer ausgeglichene, robuste und gesunde Pferde findet man nur bei dieser oder ähnlichen Haltungsformen vor.

Dennoch ist Offenstall nicht gleich Offenstall. Leider wird hier oft am falschen Ende gespart oder schlicht durch Unwissen falsch gemanagt. Wir sehen viele schlechte und für Pferde ungesunde und stressbeladene Offenstallhaltungen, die dem Anspruch der Tiere nicht genügen. Falsche Böden, zu wenig Platz, zu wenig Fressplätze (Heuraufen), zu wenig Ruheflächen, falsche Laufwege etc.pp. Wir begegnen Pferden, die nahezu ständig müde, gereizt und/ oder enorm verängstigt sind, weil der knappe Raum oder auch dessen Einteilung in der Pferdegesellschaft zu aggressivem Verhalten führt, bei dem schwächere Tiere ausweglos das Nachsehen haben. Auch eine Offenstallhaltung muss gut durchgeführt und durchdacht sein, so daß jedem Tier ein harmonisches Leben mit seiner Um- / Mitwelt möglich ist. Diese Haltungsform ist im Übrigen wesentlich aufwändiger als jegliche andere.

Es wäre wirklich wünschenswert, wenn sich in Zukunft nicht nur mit der Ausbildung und Erziehung eines Pferdes beschäftigt würde oder mit der Behandlung der Symptome eines gestörten Tieres, sondern auch die Haltungsform endlich einmal mehr in den Fokus rückt. Die artgerechte Haltung ist und bleibt das A und O der Pferdegesundheit. Physisch wie auch psychisch.

 

In eigener Sache – bei uns gibt es folgende Haltungsformen und die haben ihre Gründe:

 

Offenstallhaltung ganzjährig. Die meisten Pferde leben bei uns in Offenstallhaltung. Paddocks, Sommer- wie auch Winterkoppeln und Unterstände oder offene Laufställe gehören dazu. Jede Kleingruppe hat ihre eigenen Bereiche und wir achten bei der Zusammenstellung der Gruppen darauf, daß die Tiere miteinander „harmonieren“. Folglich haben die Rentner, die es ruhiger angehen lassen müssen ihre eigene kleine „Herde“.

Nächtliche Paddock-Boxenhaltung mit freiem Zugang zum Sandpaddock

Wir beherbergen Pferde, die aufgrund diverser Gründe bei uns leider (noch) nicht in Offenstallhaltung entlassen werden können. Wir würden uns anderes wünschen, doch es gibt folgende Gründe, die uns ein solches Vorhaben versagen.

Alte und chronisch kranke Pferde:

Wir haben alte und chronisch erkrankte Pferde bei uns, die spezielle Fütterung und Pflege/Behandlung benötigen. Diese Tiere kommen bei uns tagsüber auf die Koppeln und Paddocks, verbringen dort in festen Kleingruppen ihren Tag. Die Nächte verbringen sie jedoch in ihren Stallungen und erhalten je nach ihren Bedürfnissen ihre individuelle Fütterung und Pflege, da das im Sozialverband draußen nicht möglich ist.

Stationäre Reha-Pferde:

Erkrankte oder schwer versehrte Pferde, die zu uns kommen, werden erst einmal in aller Ruhe an ihr neues Umfeld gewöhnt wie auch medizinisch versorgt. Manche Pferde haben derart hochgradige körperliche oder psychische Versehrungen, daß wir ihnen weder die Eingliederung in eine Gruppe noch die Robusthaltung zumuten können. Sie sind quasi auf der Krankenstation bis wir uns sicher sind, daß sie ausreichend rehabilitiert sind.
Hin & wieder erhalten wir Reha-Pferde oder Beschlagnahmungen, die wir nicht integrieren, da sie uns nach der Kurzzeitpflege wieder verlassen werden. Ein „Reinstecken“ und dann wieder „Rausreißen“ wäre verantwortungslos und auch vollkommen unsinnig.



 


 

zurück