Hufgesundheit – Ein Buch mit sieben Siegeln?

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VORWORT zum Thema

Hufgesundheit- ein Buch mit sieben Siegeln? Nein! Wenn man sich ganzheitlich mit dem Pferd und einem seiner Organe beschäftigt.
Wir haben im Laufe der Jahre eine Menge Hufpfleger, Hufschmiede und Fachleute kommen und gehen sehen, ebenso wie wir ihre Methoden und deren Umsetzung beobachteten und oftmals auch echte Niederlagen für die Pferde einstecken mussten (bis auf wenige Ausnahmen).
Das Thema Hufbearbeitung - incl. aller heißen Diskussionen um die richtige Art & Weise ein Pferd und sein Organ Huf gesund zu erhalten – beschäftigt nach wie vor die Welt der Pferdehalter. Wer kennt sie nicht… die ständigen Fragen, Unsicherheiten, Wechsel und Probleme.

Letztlich sollte man Eines nicht aus dem Auge verlieren. Niemand hat den Huf neu erfunden, er ist von Natur aus perfekt. 

Die meisten Pferde in unserer Pferdehaltung müssen jedoch leider nach wie vor mehr oder weniger grobe Bearbeitungsfehler hinnehmen und die meisten Pferde in unserer menschlichen Obhut haben hinsichtlich des Organs Huf mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, weil wir der Natur ins Handwerk pfuschen. Warum das geschieht? Weil auch in unserer Gesellschaft die Nutzung des Pferdes und seine kontinuierliche Leistung vor der Gesundung/ Gesunderhaltung steht. Das Pferd hat zu funktionieren und in vielen Fällen oder sportlichen Disziplinen ist auch Nichts anderes gewünscht als die oberflächliche Funktionalität zu erhalten, egal mit welchen Mitteln. DAS ist auch heute noch ein großes Problem für unserer Pferde. Es wird sich aufgrund dessen gerne mit Symptombehandlung beschäftigt, mit Verschleierung von eigentlichen Ursachen, mit teils unglaublich brutalen Methoden zurechtgestutzt und festgenagelt, was sonst unter Schmerzen auseinander brechen würde. Immer mehr Pferdehalter, die sich und ihre Pferde aus diesem Teufelskreis herausholen wollen, finden sich schnell in einem Hexenkessel der Lobbyisten wieder und manche geben zwischen Fachtierarzt, Hufschmied, Orthopädie, Hufpfleger, Pferdetrainer und Homöopath irgendwann desillusioniert und verunsichert auf.

Letztlich bleibt es jedoch die verantwortungsvolle Aufgabe jedes Pferdehalters den richtigen Weg zu finden um das eigene Pferd zu sichern….auch im Bereich eines Organs ohne dessen Gesunderhaltung erhebliches Dauerleiden verursacht wird, bis hin zum verfrühten, oft leidvollen Tod.

 

DAS INTERVIEW – die wichtige Begegnung vorab

 

Wir haben demnach eine Frau um ein Interview gebeten, die in diesem sehr umfangreichen Bereich nicht nur verantwortungsbewusst arbeitet, sondern einen großen Teil ihres Lebens damit zubringt zu erforschen, zu lernen und zu lehren..

 

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Seminar für Hufgesundheit mit Natalija  

Ich persönlich habe im Vorfeld viel von ihr und über sie gelesen und mich nun hier vor Ort über ihre Beurteilung meiner eigenen Pferde gefreut. Natalija Aleksandrova – aus Riga - hat sich die Zeit genommen und uns hier besucht bevor sie wieder in den Flieger stieg.

Nebst ihrem fundierten Wissen, ihrer Ausbildung und ihrer eigens dazu gewonnenen praktischen Erfahrung habe ich eine Frau kennen gelernt, die mit viel Leidenschaft, grenzenloser Liebe zum Wesen Pferd und einer hohen Konzentration auf ihr Tun Pferden helfen möchte, in unserer Welt gesund zu laufen. Sie erscheint zurückhaltend, unaufdringlich, sehr gefühlvoll verbunden mit dem Tier, achtet auf jedes Detail, ehrlich bemüht, sie scannt den Lebensraum und die gesamte Anatomie (Anmerkung: was besonders mir sehr am Herzen liegt, da kenne ich schlimme Beispiele von Hufpflegern die das leider nicht tun oder nicht können!). Sie führt das Gespräch in eine helfende Richtung, bietet Lösungen Step by Step, analysiert und erklärt, konfrontiert Menschen mit der Wahrheit und den zukünftigen Möglichkeiten. Sie verliert dabei zu keinem Zeitpunkt den Blick auf das gesamte Pferd und seine körperlichen wie auch mentalen Bedürfnisse. Der schonende Weg in die Gesundung ist ihr erklärtes Ziel.

 

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mit Pferden sein

 

Natalija erhellte mich ehrlich gesagt noch mehr mit ihrer Persönlichkeit am Pferd als mit allem anderen was sie mir nebenbei erklärte. Ich hatte die Möglichkeit an einem enormen Grad an Wissen teilzuhaben während ich gleichzeitig Vertrauen fassen durfte. Vertrauen in einen Menschen, der nicht nur mit Verstand & Handwerk an meinem geliebten Pferd steht, sondern mit einem ehrlichen Herzen…sie scheint... in der Seele Pferd. Dafür vorab mein persönliches „Danke“ an Natalija, denn genau das macht vielleicht den Unterschied aus, den ICH brauche. Vertrauen …in den Menschen UND seine Arbeit.

 

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Ich habe mich dazu entschieden, das ausführliche Interview & Gespräch in voller Länge abzudrucken.

 

 

 

DAS INTERVIEW

Nico Welp („Pferdehilfe“) im Gespräch mit Natalija Aleksandrova (N.A.)

 

Pferdehilfe: Erkläre unseren Lesern doch kurz den Huf hinsichtlich seiner Funktion, was ist für die Gesunderhaltung des Hufes wichtig?

N.A.: Der Huf ist ein wichtiges und kompliziertes Organ des Kreislaufes, des Stoffwechsels und auch Sinnesorgan des Pferdekörpers. Alle vier Hufe sind eng mit dem gesamten Organismus in unterschiedlicher Art verbunden:


mechanisch über das Skelett
über den Metabolismus und das Herz-Kreislaufsystem
durch Nervenbahnen
und über energetische Wege (Meridiane)


In der Funktion des Kreislauf(-unterstützenden) Organs funktionieren die Hufe individuell und auch gemeinsam als zusätzlicher Blutpumpenmechanismus im Pferdekörper Wenn sie in einem gesunden Zustand sind sollten sie bis zu 60% des Blutes im Körper des Pferdes herzunterstützend pumpen.
In der Funktion des Stoffwechselorgans sind die Hufe verantwortlich dafür überschüssiges Protein aus dem Blut zu entfernen (auszuscheiden) indem sie dieses für die Hornproduktion nutzen.
Schon deshalb können wir uns leicht vorstellen, wie sehr der Organismus betroffen ist, wenn nur diese zwei Funktionen (Zirkulation und Metabolismus) der Hufe eingeschränkt sind - das Herz, die Nieren und die Haut sind die ersten Organe, welche durch die anfallenden, nicht benötigten Abfallproteine geschädigt werden. Diese Drei sind Ausscheidungsorgane. Wird das überschüssige Protein nicht sicher über die Bildung von Hufhorn ausgeschieden, so gelangt es wieder in den Körper und überlädt die internen Ausscheidungsorgane. 


Unter den anderen wichtigen Funktionen sind die Hufe auch für die Absorption von Stößen sehr wichtig, welche automatisch entstehen, wenn das Pferd läuft. Ist diese stoßdämpfende Funktion blockiert, dann wird die Stärke des Stoßes über die Beine direkt auf das Skelettsystem des Pferdes übertragen, wobei es Schäden an den Gelenken und dem Gewebe verursacht, welche z.B. zu allgemeinen Problemen wie Arthritis führen.
Diese und andere lebenswichtige Funktionen der Hufe werden möglich durch den natürlich „eingebauten“ Mechanismus des Hufes, des sogenannten Hufmechanismus. Dieser Hufmechanismus ist die Expansion der Hufkapsel und zeitweilige Verformung seiner inneren Strukturen in einer bestimmten Weise bei Gewichtsbelastung.

 

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Seminar mit Natalija

 

Das Beschlagen der Hufe und eine inkorrekte Hufform vermindern/ beeinträchtigen oder blockieren diesen Mechanismus in einem solch hohen Ausmaß, dass sie es der Hufkapsel unmöglich machen, in der vorhergesehenen Art und Weise zu expandieren und sich zu verformen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass das Beschlagen den Aufprallschock verstärkt und mechanische Schäden an den inneren und äußeren Hufstrukturen verursacht. Neben den Schäden, welche ein Pferd davonträgt, wenn es einen eingeschränkten Hufmechanismus hat, sei es durch den Beschlag und/oder eine nicht-physiologische Hufform, werden dem Pferd Schmerzen und Unwohlsein verursacht, welche wiederum den gesamten Organismus belasten.


Bei beschlagenen und/ oder inkorrekt getrimmten Hufen finden sich für gewöhnlich schmerzhafte Areale in den Trachten. Um nun die Schmerzen zu lindern/ vermeiden legt das Pferd weniger Gewicht auf die schmerzenden Areale und verändert dadurch seine gesamte Köperhaltung indem es Muskeln aktiviert, welche für diese Belastungen nicht vorgesehen sind. Die Muskeln ermüden schnell und zeigen chronische Verkrampfungen. Um diese Muskeln wiederum zu entlasten, werden die nächsten übermäßig stark aktiviert und diese werden im Laufe der Zeit ebenso chronisch verkrampft und so weiter. Eine Kettenreaktion startet, welche die normale Körperhaltung und normale Gewichtsverteilung im Körper verändert und dieses resultiert in Schmerzen und Problemen im gesamten Körper wie z.B. Rückenschmerzen, Muskelatrophie etc. Durch die enge Verbindung der Hufe mit dem Körper kann der gesamte Organismus über den Zustand und die Befindlichkeit der Hufe beeinflusst werden und auch umgekehrt.


Korrekte Hufpflege ist aber nicht nur korrektes Trimmen/ Schneiden. Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass korrekte Hufpflege mit dem korrekten Pferdemanagement beginnt, indem wir den Pferden die Lebensumstände geben, welche die essentiellen, natürlichen Bedürfnisse der Pferde befriedigt, wie z.B. Herdenleben, uneingeschränkte Bewegung bei Tag und Nacht und uneingeschränkten Zugang zu Futter bei Tag und Nacht.


Als Beispiel: es ist nicht möglich ein Pferd in eine Box zu sperren und zu erwarten, dass es gesunde Hufe hat, denn in diesem Fall ist eines der wichtigsten Grundbedürfnisse nicht befriedigt- das Bedürfnis nach freier, ausreichender Bewegung.
Oder: Du kannst einem Pferde keine freie Bewegung Tag und Nacht bieten und es gleichzeitig von der Herde trennen – und erwarten, dass es gesunde Hufe hat – denn ein weiteres, wichtiges Grundbedürfnis ist eingeschränkt: das Bedürfnis nach equinen Artgenossen, denn alle Pferde sind Herdentiere und ihr cerebraler Cortex ist nur dann in der Lage normal zu funktionieren und die korrekten Signale an den Körper zu geben, wenn ein Pferd in Gesellschaft von Artgenossen ist. Etc.pp

 

Pferdehilfe: Der Aufbau und die Funktion des Hufes ist heute kein anatomisches Geheimnis mehr und kein Buch mit sieben Siegeln. Dennoch ist die Hufbearbeitung bis heute ein Feld, um welches sich Experten gut streiten können. Woran liegt es, dass es solche unterschiedlichen Ansichten hinsichtlich der Bearbeitungsweise gibt?

N.A.: Erstens ist der wichtigste Faktor für das Vorhandensein verschiedener Methoden…Marketing. Du kannst mehr Geld verdienen, wenn du deine eigene Methode „erfindest“. Schauen wir uns aber all die verschiedenen Ansätze an, so sehen wir, dass sie in Wirklichkeit fast alle gleich sind.


Es gibt in der Realität nur 3 generelle Ansätze in der Welt: der konventionelle Hufschmied Trimm, Dr. Strasser´s Methode der ganzheitlichen Pferdebehandlung und den amerikanischen Stil des „Mustang Trimm“.
Ja, unglücklicherweise ist die Existenz von so vielen 'Methoden' für Pferdeeigentümer sehr verwirrend. In dieser Situation empfehle ich den Leuten, nach einem Experten zu suchen, der sich darüber sorgt, wie Ihr Pferd gehalten wird —dass seine wesentlichen Bedürfnisse gedeckt sind. Derjenige wird keine Angst haben zu sagen, dass Beschlagen und Stallhaltung für die Gesundheit Ihres Pferdes zerstörend sind und wird erklären in welcher Weise es zerstörend ist. Solch ein Experte ist jemand, der keine schnelle Lösung für Ihr Pferd anstrebt, so dass das Pferd auf die bequemste Weise für den Reiter wieder nutzbar ist , sondern er ist jemand, der sich an erster Stelle über die Gesundheit und das Wohlbehagen ihres Pferdes sorgt und ihm die notwendige Zeit zum Heilen gibt…. ich empfehle sehr nach einem solchen Hufpfleger zu suchen, weil Ihr Pferd nicht weniger verdient als das.

 

Pferdehilfe: Es gibt mittlerweile einen wahren Expertenkrieg, der die Menschen sehr verunsichert. Verschiedene Lager haben sich gebildet. Zur Methode nach Strasser: Wo genau liegen Deiner Meinung nach die nennenswerten Unterschiede zu anderen Bearbeitungsmethoden?

N.A.: Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der Methode von Dr Strasser und anderen Techniken ist, dass sie eine umfassende Kenntnis des Körpers des ganzen Pferdes und des Hufs als ein Organ des Körpers fordert. Abgesehen davon schlicht Huf-Messer-Sachkenntnisse zu haben, muss ein Student in Pferdebiologie, Anatomie, Physiologie und Histologie zusammen mit dem Wissen ausgebildet werden wie man diese Kenntnisse in der Praxis anwendet, um Strasser Hoofcare Professional (SHP) genannt zu werden. Es verlangt mehr als reine akademische Kenntnisse oder schlichtes Trimmen. Im Moment gibt es keine einzige Hochschule auf der Welt, die ihren Studenten diese umfassenden Kenntnisse über den Huf bieten kann, wie sie ein SHP Student während der 2 Jahre langen Studienzeit mit Dr. Strasser erhält.

 

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Pferdehilfe: Warum ist die Methodik nach Strasser Deiner Meinung nach in der Praxis (nicht in der Theorie) in die Kritik geraten?

N.A.: Erstens fordern die Kenntnisse von Dr. Strasser heraus und gehen gegen die alten Traditionen, gegen die Industrie, gegen die Lobby vieler Tierärzte/Hufschmiede. Sie stellt heraus, dass Huf-Gesundheit ohne die natürlichen Lebensbedingungen unmöglich ist und sie beweist, dass domestizierte Pferde und ihre Hufe natürlich gesund bleiben können wenn die Pferde unter artgerechten Lebensbedingungen gehalten werden, wenn ihre wesentlichen biologischen Bedürfnisse erfüllt werden. Außerdem beweisen die Kenntnisse, dass mitunter traditionellen Methoden der Pferdepflege und Hufpflege für die Gesundheit eines Pferdes schädlich sind. Die ganze Armee von Tierärzten und Hufschmieden und das Establishment befinden sich in der plötzlichen Gefahr ihren Einfluß zu verlieren. Die Kenntnisse sind für viele Pferdeeigentümer ungünstig, weil sie kein Pferd schnell genesen lassen um wieder verwendbar zu sein, stattdessen folgen sie der Natur des Pferdes um dem Körper zu erlauben zu heilen und zu gesunden innerhalb seines eigenen, natürlichen Rhythmus zu bleiben.


Der zweite Grund, warum die Methode so oft kritisiert wird, sind die vielen ungenügend gebildeten Leute, die versuchen die Methode anzuwenden und was es noch erschwert ist, dass sie versuchen es bei Pferden anzuwenden, die keine natürlichen Lebensbedingungen haben. Und wenn das erwartungsgemäß scheitert machen diese Leute die Methode verantwortlich aber nicht sich selbst. Oft ist auch fehlender Erfahrungsgrad ein Problem.
Dann können wir häufig das Ergebnis sehen: schwer lahmende Pferde. Dr. Strasser selbst hört nicht auf sich zu wiederholen: sie erkennt nur eine Methode als die 'ihrige' an, wenn sie von einem Fachmann angewandt wird, der die mündlichen, theoretischen und praktischen Prüfungen des 2 Jahre langen Kurses in der holistischen Hufpflege und Lahmheitsrehabilitation bestanden hat; ebenso wie sie auch immer wieder betont dass so manche Reha-Maßnahme aus dem klinischen Bereich nicht in irgendwelchen Verhältnissen auf in Boxen gehaltene Pferde angewandt werden sollten. (Stichwort: weniger ist mehr gemäß aller äußeren Umstände)

 

Pferdehilfe: Stichwort => Weniger ist mehr. Manche Bearbeitung beinhaltet, dass der Huf nach Schema F zurechtgeschnitten wird. Ebenso können zu heftige und gut gemeinte Stellungskorrekturen Pferde (und auch ihre Menschen) in die Verzweiflung treiben, manchmal sogar in schwere Erkrankungen (Sehnen, Bänder, Gelenke, Muskulatur etc.pp).  Worauf sollte man grundsätzlich bei einer Bearbeitung achten?

N.A.: Zuerst ist es wichtig zu wissen, ob diese dramatischen Veränderungen physiologisch korrekt für den Huf sind oder nicht. Wenn sie nicht physiologisch korrekt waren, gibt es nichts zu diskutieren, dem Pferdekörper wurde Schaden zugefügt…


Um einem Pferd nicht zu Schaden muss der Hufpfleger ein sehr viel Wissen über Hufanatomie /-physiologie und die Huf-Funktionen haben, wie auch anatomisches Wissen über den Pferdekörper, Physiologie und den biologischen Lebensbedingungen. Leider gibt es nur wenige Professionelle die tatsächlich ein solch profundes Wissen haben, dies bezieht sich auch auf Veterinäre, die oftmals ein sehr begrenztes Wissen über den Huf als Organ und seine Verbindungen mit dem gesamten Organismus haben.
Manchmal kann es zu ernsten Schäden kommen, wenn ein Hufpfleger versucht kranke Hufe zu rehabilitieren, nachdem das Pferd inkorrekt getrimmt wurde oder aber seit vielen Jahren beschlagen war – wenn also der gesamte Pferdekörper(Gelenke, Bänder, Sehnen, Muskeln und Knochen) seit langem an die inkorrekte Hufform adaptiert war.
Ein Prozess der Re-adaption an die korrekte Hufform ist in solchen Fällen notwendig und das Pferd kann durch eine Zeit der Schmerzen und des Unwohlseins gehen, welche mit diesem Rehabilitationsprozess einhergeht – manchmal sogar sehr schwer- in den verschiedensten Körperteilen.
Dieses geschieht weil jede Veränderung – korrekt oder inkorrekt – an den Geweben(Knochen, Knorpel, Muskeln, Sehnen etc.) mit Entzündungen verbunden ist. Entzündungen, auch wenn sie ein Heilungsprozess sind, sind schmerzhaft.


Das Gewebe und der gesamte Organismus erfahren auch metabolische Veränderungen, welche in manchen Fällen zu ernsten Vergiftungen des Organismus führen können. Somit ist es für einen Hufpfleger enorm wichtig zu wissen (bevor er eine Rehabilitation startet), dass jede kleine Manipulation am Huf einen Einfluss auf die inneren Strukturen hat und als Konsequenz, welche Auswirkung diese Manipulation auf den gesamten Körper hat. Es ist sehr wichtig ein Wissen darüber zu haben, wie sich die unterschiedlichen Gewebestrukturen im Pferdekörper verhalten (Knochen z.B. verändern sich schneller, Bänder brauchen längere Zeit um zu heilen, Weichteile heilen und verändern sich in jüngeren Pferden schneller etc. etc.)
Hat jemand dieses fundamentale Wissen und bezieht er die vielen Details eines Pferdes in seine Überlegungen mit ein, wie z.B. das Alter des Pferdes, den Grad der Schädigung etc. dann wird ein Hufpfleger fähig sein, die Heilungschancen jedes einzelnen Pferdes abzuschätzen und ein passendes Tempo und Zeitraum für die Rehabilitation, welche unnötige Schmerzen vermeidet.
In der Regel wissen wir zum Beispiel, dass junge und noch wachsende Tiere stärker und schneller auf die Reha reagieren . Während für ein 25 Jahre altes Tier, welches ein Leben lang beschlagen war oder falsch getrimmt wurde, geprüft werden muss, ob die Reha die Lebensqualität durch adaptive dramatische Veränderungen im Körper zu sehr senkt.


Hier startet die Kontroverse, welche selbst bei einem physiologisch richtigen Trimm erscheinen mag. Ein über-enthusiastischer Hufpfleger kann, um dem Pferd mit allen Mitteln zu helfen und diese individuellen Betrachtungen außer Acht lassend dem Pferd erheblich schaden. Da ist weniger mehr.

 

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Pferdehilfe: Nun kommen wir zum Beschlag. Viele Hufschmiede und Tierärzte haben die unterschiedlichsten Gründe Pferde zu beschlagen. Meist entweder sportliche (sprich Verwendungszweck des Pferdes) oder gesundheitliche (Therapie). Wie ist Deine Einstellung zum Beschlag?

N.A.:  Es gibt keine Art des Gebrauchs des Pferdes, der das Beschlagen rechtfertigen könnte. Wenn ein Pferd nicht durchführen kann, um was es barhuf gebeten wird dann ist das reiner Tiermissbrauch den das Pferd erleiden muss. Denn es ist eine bekannte Tatsache, dass der Beschlag Hufpathologien maskiert und somit ein Pferd noch nutzbar macht.
Die Ergebnisse der historischen Forschung im Laufe der letzten paar Jahrzehnte haben bestätigt, dass das auf den Huf genagelte Hufeisen zuerst im frühen Mittelalter eingeführt wurde, während die Geschichte der Domestizierung des Pferdes 5000 Jahre alt ist. Das bedeutet, dass der endlose Kavallerie-Krieg der frühen Geschichte durch Reiter auf unbeschuhten Pferden stattgefunden hat, wie auch die riesigen Wanderungen von Volksstämmen.


Als man Schlösser auf Bergspitzen überall in Europa im 6. Jahrhundert baute, waren Pferde erforderlich welche in kleinen und beiliegenden Räumen im Stehen, in ihren eigenen Exkrementen lebten. Die Hufe, die eine mangelnde Durchblutung hatten und denen es an guter Hornqualität mangelte welches weiter durch Ammoniak geschwächt wurde, sind nicht mehr im Stande gewesen, ihre Arbeit zu tun, als diese Pferde auf dem felsigen Terrain verwendet wurden. So wurde der Metallschuh dann erfunden, um das Problem zu beheben und das Pferd wieder verwendbar zu machen. Der Beschlag blockiert in erheblichem Maße den Huf-Mechanismus, welcher die lebenswichtigsten Funktionen des Hufs erst möglich macht.


Hufmechanismus:
Hufmechanismus wird die Bewegung des Hufes genannt, die entsteht, wenn eine expandierte Hufform unter Gewichtsbelastung mit einer engeren Hufform während des Abfußens und der Flugphase des Hufes mit all ihren dadurch entstandenen Hufinternen Veränderungen erfolgt. Der Hufmechanismus ist der Wechsel von der erweiterten Hufform unter Gewichtsbelastung zu einer verengten Hufform während des Abfußens und all seiner internen Veränderungen, die daraus resultieren.


Unter Gewichtsbelastung wirkt die nach unten zielende Kraft des Skelettes auf der vorderen Hufwand der Hufkapsel auf die höchste Stelle am Kronrand, so dass diese Stelle nach unten und nach innen gezogen wird. Gleichzeitig mit dieser Bewegung des Kronrandes bewegen sich die äußeren Hufwände nach außen und durch das gleichzeitige Flachlegen der konkaven Sohle wird dem Hufbein, welches in der elastischen Wandlederhaut „hängt“ Raum gegeben, sich abzusenken. Durch den Raumgewinn wird es den Kapillargefäßen der Sohlenlederhaut (zwischen der Sohle und dem Hufbein) und der Wandlederhaut (zwischen Hufbein und Hufwand) ermöglicht, sich mit arteriellem Blut zu füllen, welches Sauerstoff und Nährstoffe enthält. Beim Abfußen und der damit einhergehenden Verengung des Hufes wird das Blut aus der Lederhaut und das Bein hochgepresst, wie Wasser aus einem Schwamm.


Wird nun ein Hufeisen auf den Huf genagelt, so geschieht dies, wenn der Huf nicht unter Gewichtsbelastung ist und somit in seiner engsten Form gehalten wird. Dadurch wird dem Huf nicht gestattet, beim Auffußen unter Gewichtsbelastung ausreichend zu expandieren. Das heißt, dass der Hufmechanismus eingeschränkt ist. Ein solch reduzierter Hufmechanismus führt zu einer reduzierten Blutzirkulation und somit auch zu reduzierter Hufhornproduktion.

 

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Wie ich am Anfang schon sagte, ist der Huf ein metabolisches Organ und somit mitverantwortlich für die Ausscheidung von überschüssigem Abfall- Protein aus dem Blut durch verwenden desselbigen zur Hornproduktion.
Bei eingeschränktem Blutfluss im Huf wird weniger Horn als normal ( weniger als 1 cm pro Monat) produziert und somit auch weniger Abfall-Protein ausgeschieden. Dieses führt zu mehr Abfall-Protein im Blut und im gesamten Organismus, welches nun über den übrigen metabolischen „Abfall“ durch Nieren und die Haut ausgeschieden werden muss.


Für die Nieren bedeutet dies nun extra Arbeit und Beanspruchung welches ihre normale Funktion negativ beeinflusst. Als Resultat verbleiben nun die normalen Stoffwechselabfallprodukte, die über die Nieren hätten ausgeschieden werden müssen im Körper und wirken negativ auf alle übrigen Organe.
Die Leber ist z.B: eines dieser Organe welche nun in ihrer Funktion gestört ist. Der gesamte Stoffwechsel ist von dieser unphysiologischen Blutchemie betroffen. Dies wird am deutlichsten anhand des Hautstoffwechsels sichtbar, wir sehen Symptome wie Mauke, Rain Scald (ein Hautausschlag) oder Problemen mit dem Fellwechsel und Aushaaren sowie zig weitere Sekundärerkrankungen. Neben den äußerlich sichtbaren Zeichen können die metabolischen Störungen auch durch Bluttests, Bio-Resonanz oder anderen energetischen Verfahren geprüft werden.


Die Blutwerte von Pferden die für einige Zeit verengte Hufe hatten oder beschlagen waren zeigen abnormale Leber- und Nierenwerte. Die reduzierte Lederhautdurchblutung bei Pferden die für lange Zeit beschlagen waren und Zwanghufe aufweisen, haben ein höheres Hufrehe –Riskio, welche durch sehr kleine Veränderungen der Blutchemie oder des Stoffwechsels ausgelöst werden kann, z.B. durch das Aufnehmen von frühem Frühlingsgras, oder eine Futterumstellung, Entwurmung oder plötzliche Temperaturwechsel oder auch eine Impfung – keiner diese Faktoren ist aber der eigentliche Grund für die Rehe – sie sind nur der Auslöser.


Sind nun aber Nieren und Leber angegriffen und arbeiten nicht richtig, so resultiert dieses in einer langsamen und stetigen Vergiftung des gesamten Körpers (auch des Herzens). Um meine Worte am Anfang zu wiederholen: durch den Hufmechanismus wird eine sehr wichtige vitale Funktion des Hufes ermöglicht, nämlich die unterstützende Blutpumpe. Diese Funktion unterstützt das Herz-Kreislaufsystem durch das Zurückpumpen venösen Blutes aus den Beinen, durch Venen, die keine eigene Muskulatur haben um Blut zu pumpen und somit von der Unterstützung der skelettalen Muskulatur abhängen.
Da die unteren Beinpartien der Pferde über keine Muskulatur verfügen, wird der Hufmechanismus zur einzigen Kraft um das venöse Blut aus den unteren Beinabschnitten hochzupumpen. Ein blockierter Hufmechanismus bedeutet also auch ein Blockieren der unterstützenden Blutpumpe.
Eine weitere wichtige Funktion die durch den Hufmechanismus entsteht: die Stoßdämpfung, welche 60-80% der Stoßkraft über die Verformung der Hufkapsel abfängt und Wärme als Nebenprodukt erzeugt. Diese Funktion ist wichtig für die Gesunderhaltung von Bändern, Gelenken, Sehnen und Knochen und auch des ganzen Körpers. Bei blockiertem Hufmechanismus kann die Stoßkraft nicht gemindert werden und wird ohne Dämpfung im Bein hochgeleitet zu den Gelenken und Geweben und die für die Stoffwechselvorgänge benötigte Wärme wird den Geweben des Hufes nicht zuteil.

 

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Fall eines Pferdes, welches von Fachleuten als „austherapiert“ aufgegeben wurde.


Außerdem vergrößern Hufeisen die Wirkung der Stoßkräfte – so dass es zu Vibrationen durch den Eisenbeschlag um die 800Hz oder höher kommt. Diese konstanten Vibrationen führen zu Veränderungen in der Struktur der Lamellenlederhaut (vergleichbar mit dem Raynaud- Syndrom beim Menschen) welche in Schädigungen der Kapillaren Aufhängung des Hufbeines in der Hufkapsel führen. Sie führen zu Irritationen der Bänder- und Sehnenansatzpunkte im Periosteum (der Knochenhaut) der Knochen und Gelenkknorpel welche zu abnormen Verknöcherungen führen können.


Ein sehr wichtiger Punkt, den es zu Verstehen gilt, ist, dass es Unsinn ist über einen therapeutischen Effekt von Hufeisen zu sprechen. Ein Heilungsprozess ist nur durch intensivierten Metabolismus möglich das heißt durch vermehrte Blutzirkulation. Das Blut liefert Bausteine –Proteine und andere Nährstoffe- für die Reparatur der Schäden und es transportiert Abfallprodukte aus den geschädigten Arealen ab.

 

Pferdehilfe: Kein Pferd ist wie das andere. Gilt das auch für Hufe?


N.A.: Jedes Pferd ist individuell. Doch, da sie alle die gleiche Art repräsentieren, haben sie die gleiche Anatomie, Physiologie und biologischen Anforderungen für das Leben. Das gleiche gilt für ihre Hufe - sie sind individuell, aber es sind die gleichen anatomischen und physiologischen Konstanten, die unveränderlich sind für jedes Pferd. Jeder professionelle Hufpfleger muss sich gut in der Anatomie, Physiologie und Funktionen des Hufes auskennen und diese Konstanten kennen, ebenso wie individuelle Unterschiede achten.

 

Pferdehilfe: Thema => Druck auf den Strahl. Nach neuesten Erkenntnissen stimmt es nicht, dass der Druck auf den Strahl zwingend für den Hufmechanismus ist. Bisher hat man angenommen, der Hufmechanismus entstünde allein dadurch, dass in der Bewegung der Strahl wie ein Schwamm zusammengequetscht würde und dadurch eine Durchblutung stattfindet. Vielmehr scheint es nun so zu sein, dass vom Boden her äußere Druckkräfte auf alle unteren Teile des Hufes einwirken und von innen heraus das Gewicht des Pferdes das Hufbein leicht nach unten drückt. Berührt der Strahl den Boden nicht, so leiten eben Tragrand, Sohle und evtl. Eckstreben die Druckkraft nach innen. Was ist nun richtig?

 

N.A.: Man weiß seit einiger Zeit, dass der Strahl nicht der einzige Faktor oder gar ein Hauptfaktor für den Hufmechanismus darstellt. Trotzdem ist es nicht richtig zu sagen, dass es nicht notwendig ist, dass der Strahl Bodenkontakt hat. Bodenkontakt des Strahles ist Teil des physiologisch richtig funktionierenden Hufes, besonders bei Kaltblutpferden. Der Strahl übernimmt die Rolle eines Gummis welches sich zusammenfaltet  und entfaltet und der Hufkapsel somit hilft unter Gewichtsbelastung zu expandieren und sich beim Abfußen zusammenzuziehen. Bei Pferden, die auf weichen Weiden stehen nimmt die Bedeutung des Strahls für den Hufmechanismus enorm zu, da es ungenügenden Bodenwiderstand gibt um die harte Hufkapsel zu verformen und der Strahl hilft nun dabei indem der seine zentralen und lateralen Furchen entfaltet und so die Hufkapsel beim Expandieren durch Bodenkontakt unter Gewichtsbelastung unterstützt.


Gibt es keinen Bodenkontakt des Strahls in den Hufen eines Pferdes so ist dieses ein sicherer Weg um zu beurteilen, dass die Hufform nicht physiologisch korrekt ist und somit der Huf nicht gesund ist. Diesen eingeschränkten Strahl-Bodenkontakt findet man sehr häufig bei Zwanghufen mit hohen Trachten.


Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der Strahl für die Stoßdämpfung zuständig ist. Dies ist nicht wahr. Das Pferd erreicht eine Stoßdämpfung nur durch verschiedene Mechanismen, die auf dem Prinzip der Energieumwandlung basieren (da Energie nicht verloren gehen kann, sondern nur umgewandelt wird). Dabei wird die Stoßkraft (Energie) in die Verformungsenergie umgewandelt, welche die Hufkapsel und die inneren Strukturen reversibel deformiert und Wärme als Nebenprodukt durch Reibung erzeugt und somit den Stoßkräften nicht ermöglicht, das Bein hinaufzusteigen und an das Skelett weitergegeben zu werden.
Die vier hauptsächlichen Formen der Schockabsorbierung/ Stoßdämpfung in den Hufen sind:

  • Das Dehnen der Bänder und Sehnen
  • Die reversible Expansion der Hufkapsel (der eigentliche Hufmechanismus)
  • Kompression der Spiralhornröhrchen
  • Dehnen der Lamellenlederhaut/ Lamellen

 

Pferdehilfe: Wildpferde haben keinerlei Hufbearbeitung. Unsere Bemühungen dahingehend sollen den natürlichen Abrieb simulieren, welcher bei unseren Pferden nicht mehr gewährleistet ist. Unsere Pferde leben auf sicher anderen (sowie immer gleichen) Böden, ernähren sich anders und bewegen sich auch nicht mehr so viel wie ihre wilden Artgenossen (oder eben gänzlich anders). Auf was achtet ein guter Hufexperte, wenn er sich ein Pferd erstmals anschaut?

N.A.: Ein guter Hufpfleger betrachtet immer auch die Lebensbedingungen des Pferdes. Ob z.B. die essentiellen Bedürfnisse des Pferdes durch die Haltungsbedingungen befriedigt werden. Wir wissen, dass es einem Pferd ohne korrekte Lebensbedingungen unmöglich ist, trotz perfektem Huftrimmens, gesunde Hufe zu entwickeln. Als erstes muss das Pferd einen Grund und die Möglichkeit haben, sich frei, 24 Stunden am Tag zu bewegen um eine gesunde Blutzirkulation in den Hufen zu haben.


Ein guter Hufpfleger beginnt damit, den Pferdehalter über die biologisch korrekten Haltungsbedingungen und wie diese die Hufgesundheit und die gesamten Gesundheit des Pferdekörpers beeinflussen aufzuklären.

 

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Pferdehilfe: Es gab in der Natur keine „weißen“ Hufe, wurde mal behauptet.  Haben diese Hufe tatsächlich weicheres Horn oder ist das nur ein hartnäckiges Gerücht?

N.A.:  Wir können weiße Hufe bei den wilden amerikanischen Mustangs finden. Weicheres Horn in weißen Hufen ist ein Mythos – somit nicht wahr.
Wenn ein Pferd mit weißen Hufen geboren wird, so ist einfach eine biologische Erscheinung  und das Auftreten derselben kann nicht als „fehlende Pigmentierung“ bezeichnet werden. Was nicht normal ist: wenn wir nicht-pigmentierte Flecken auf dunklen Hufen finden, wo innere Gewebe schädigenden Druck durch Hebelwirkungen des harten Hufhorns erfahren – welche durch inkorrekte Hufformen entstehen.
Manchmal kann es vorkommen, dass die gesamte Hufwand heller oder sogar weißer wird, oder wir finden weiße Stellen auf der Sohle in Bereichen, wo die Sohlenlederhaut zwischen Horn und Hufbein gepresst und geschädigt wurde.

 

Pferdehilfe: Der US-Amerikaner Ovnicek beobachtete bei einer Herde Mustangs, dass sie ihr Gewicht mit Sohle, Eckstreben und Strahl tragen. Der sogenannte Tragrand war bei allen Tieren komplett abgelaufen. Andere Fachleute sind der Ansicht, dass der Tragrand zu einem gewissen Teil erhalten bleiben muss. Was ist Deiner Ansicht nach richtig?

N.A.: Hier sprechen wir über den sogenannten “Mustang Roll”, wenn der äußere Tragrand der Hufwand nach außen abgerundet ist. Nicht nur Ovnicek konnte dies sehen – jeder kann diese Hufform sehen – bei Mustangs aber auch in den australischen Brumbys, die in den Wüstenlandschaften leben oder auch wilden Pferden, die in felsigem Terrain leben.


Der „Mustang Roll“ ist eine Konsequenz mechanischen Abriebs und micro-chipping des Hufes, wenn dieser in Kontakt mit felsigem und rauhen Untergründen kommt, da das Pferd durch dieses Terrain läuft. Dieser untergrundspezifische Abnutzungseffekt kommt zu dem Stoßdämpfermechanismus hinzu, da ein Teil der Aufprallenergie durch dieses micro-chipping abgeführt wird und nicht an das Skelett weitergeleitet wird. Auch wird durch das Entfernen der äußeren Schicht der Hufwand, die durch den geringeren Wassergehalt härter ist, die innere Schicht der Hufwand, welche elastischer ist, in eine Position gebracht, in der sie mehr Gewicht trägt, was zu einer verstärkten Dämpfung des Aufprallschocks führt und somit diesen reduziert.
Wenn wir uns Hufe von wilden und domestizierten Pferden anschauen, die auf weichem Weidegrund oder weichem Waldboden in Zentral –Europa leben, so sehen wir niemals einen „Mustang Roll“. Der Tragrand bleibt ziemlich scharfkantig. Die weicheren Bodenverhältnisse führen zu einer verringerten Abnutzung und es wird auch keine zusätzliche Stoßdämpfung benötigt. Unterschiedliche Bodenverhältnisse führen zu unterschiedlichen Abnutzungsgraden.


Das Selbst-trimmen der Hufe geschieht auf verschiedene Arten – auf weichem Grund wird es z.B. durch Risse und große, ausbrechende Stücke aus der Hufwand erreicht.
Also, wenn die Natur es schon nicht vorsieht den Pferden, die auf weicheren Untergründen leben einen „Mustang Roll“ zu geben, ist es doch logisch, dass wir unseren Pferden hier in Deutschland, auf weichen Weideflächen lebend, keine ungewollten Eigenschaften an ihre Hufen geben müssen.
Des Weiteren führt das exzessive Rollen des Tragrandes bis zu den Trachten zu Schäden durch das verstärkte Fördern von Zwanghufen bei Pferden, welche auf weichen Böden leben, da es dazu führt, dass der Huf tiefer in den Untergrund eindringt und eine nach innen gerichtete Kraft mit der Zeit zu einer Verengung des Hufes führt. Wenn es also keine pathologischen Gründe gibt, welche es verlangen, dass der Tragrand so stark entfernt wird, dann werden wir es für gesunde Hufe nicht anwenden.

 

Pferdehilfe: Mal kurz zur Dir, Natalija. Wie startete Dein Weg in diesen Beruf?

N.A.: Ich startete auf meinem Weg zu den Pferden mit dem Traum eine olympische Springreiterin zu werden. Nachdem ich eine Weile auf dem Amateurlevel Springreiten auf Turnieren ging und trainierte, realisierte ich, dass die Idee von einer „Partnerschaft“ zwischen Mensch und Pferd nur ein schönes Märchen ist, welches rein gar nichts mit der Realität zu tun hat.


Ich fand heraus, dass das, was wirklich existierte das Benutzen der Pferde durch den Menschen mit dem Blut und den Schmerzen der Tiere war. Ich realisierte auch, dass die meisten Menschen, die mit Pferden zu tun haben, keine Ahnung über die wahren Bedürfnisse der Pferde haben, sie anthropomorphisieren und sie unter Bedingungen halten, welche es dem Menschen in bequemster Weise erlaubt, sein Pferd zu benutzen.
Ich hörte mit dem Reiten auf und drang tiefer in die Materie ein, indem ich wilde Pferde studierte, Pferdegesundheit und natürliches Pferdehaltungs -Managment.


Diese führte mich dazu, professionelle Hufpflege zu studieren und ich absolvierte den 2-jährigen ganzheitlichen Hufpflege- und Lahmheiten Rehabilitationskurs bei Dr. Hiltrud Strasser in Deutschland. Jetzt lehre und praktiziere und forsche ich weiter auf dem Gebiet der ganzheitlichen Pferdegesundheit und der ganzheitlichen Pferdehaltung.

 

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Workshop mit Natalija

 

Pferdehilfe: In Deinem Alltag => Auf welche Probleme und Erkrankungen stößt Du in Deiner Berufspraxis am Häufigsten?


N.A.: Das größte Problem, welches ich beobachte ist die inkorrekte Hufform – Hufe, welche von sogenannten Hufpflegern/Hufschmieden ohne das Wissen über ihre natürlichen, biologischen Funktionen getrimmt wurden. Als Folge dessen sind Zwanghufe die am meisten anzutreffende Krankheit/ Veränderung mit all den damit verbundenen Pathologien.

 

Pferdehilfe: Manche Experten sind der Ansicht dass Stellungsfehler immer korrigiert werden müssen und jedes Pferd „korrekt“ stehen muss. Wie ist Deine Sicht der Dinge dazu?


N.A.: Veränderungen in der Körperhaltung sind normalerweise Zeichen für Schmerzen. Die veränderten Körperhaltungen entstehen, wenn ein Pferd versucht, Schmerzen zu kompensieren, indem es Gewicht von einem Körperteil auf einen anderen verlagert.


Beispiel: das klassische Anzeichen für Schmerzen in den Trachten der Vorderhufe ist als Körperposition gut sichtbar, wenn das Pferd versucht die Beine weit unter seinen Körper zu positionieren um den Druck von den Trachten zu nehmen indem es mehr Gewicht auf den Zehenbereich legt. Auch wird dadurch mehr Gewicht von den Vorderbeinen auf die Hinterbeine verteilt. Wenn wir Stellungsfehler sehen dann suchen wir den Grund – die Quelle des Schmerzes.
Wenn wir das Pferd von seinen Schmerzen befreien, so sehen wir dieses auch anhand der veränderten Köperhaltung – die Veränderungen und angepassten Stellungsfehler verschwinden mit den Schmerzen. Eine Menge Abnormitäten und Stellungsfehler wie z.B. „Säbelbeinig“ oder „die Kruppe steht höher als der Widerrist“  sind Resultate von Schmerzen in den Hufen. Über die möglichen „Weniger ist mehr“ – Faktoren unter Berücksichtigung aller individuellen Umstände beim Tier hatten wir ja schon gesprochen. Das darf nie hinten anstehen.

 

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Pferdehilfe: Hast Du selbst schon mal ein Pferd vor Dir gehabt, bei dem Deine Hufbearbeitung nicht zu dem gewünschten Ergebnis führte? Einen Fall, der echte Probleme mit sich brachte?

N.A.: Ja, zu Beginn, als ich noch nicht so viele Erfahrung hatte, da habe ich solche Fälle gehabt, sowohl von schwerer Pathologie als auch von nicht so schwer geschädigten Hufen, die trotzdem nicht besser wurden. Es war am Anfang, als ich besessen davon war, die korrekte Hufform zu trimmen ohne daran zu denken, ob das Pferd so damit zurechtkommt und glücklich ist. (siehe Thema „weniger ist mehr“/ Individualität / Lebensumstände)
Es war das Unwohlsein/ Schmerz der Pferde, welches/welcher durch die Veränderungen zustande kam, dass ich plötzlich langsamer vorging oder eine Reha sogar unterbrach. Mit fortschreitender Erfahrung habe ich gelernt, den Grad an Behandlung zu beurteilen den ich machen kann bzw. den das jeweilige Pferd gut händeln kann. Somit bin ich froh darüber und zufrieden, wenn die Pferde glücklich sind ohne zu versuchen, mit Gewalt das Ideal in jedem Huf zu erreichen.

 

Pferdehilfe: Was wünscht Du Dir für die Welt der Hufbearbeitung in Zukunft? Welche Botschaft liegt in Deiner Arbeit und Deinem Tun, welches ja sichtbar Berufung und Überzeugung ist. Was möchtest Du den Menschen mitgeben?

N.A.:  Mein größter Wunsch ist es, dass Pferde immer unter Bedingungen gehalten werden, die ihren biologischen Bedürfnissen entsprechen, wie z.B. das Herdenleben, das Bedürfnis nach freier Bewegung bei Tag und bei Nacht oder auch der nicht restriktive Zugang zur Nahrung. Und NIEMALS eine Haltung in Betracht gezogen wird, die es nur dem Menschen leicht macht, das Pferd zu nutzen.


Mein größter Wunsch ist, dass die Menschen erkennen welche Schäden sie in den Pferden verursachen, wenn sie die Pferde zum Eigenen Vergnügen benutzen.


Wenn meine Wünsche wahr werden sollten, dann gäbe es nicht mehr viel zu tun für Hufpfleger

 

 

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Natalija mit ihrer geliebten Stute Bagra

 

Pferdehilfe: Danke Natalija für diesen sehr detaillierten Blick in die Huf- und somit Pferdegesundheit…Danke für Deine Zeit, die Du Dir dafür genommen hast und Deine stetige Leidenschaft hinsichtlich Deiner equinen Kunden.

 

Text: Nico Welp
Bilder: Copyright by fotolia.com und PFERDEHILFE PRO EQUINE e.V.

 

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