Ein Kommentar der unbeliebt macht – und doch geschrieben werden sollte

Wir erhalten seit Längerem jede Woche bis zu 20 Notanfragen (Pferde, Pferde,Pferde) und das bedeutet ganz sicher, dass ich teilweise bis zu 20 Pferde pro Woche ablehnen muss…was einen zugegebener Maßen nicht gut schlafen lässt und auch nicht kalt lässt.
Warum ich ablehne, dürfte klar sein. Es fehlt an Kapazität und am nötigen Geld, denn ich weiß wie teuer eine kompetente, gute Pflege wie auch Rehabilitation eines sog. „Notpferdes“ ist. Ich habe hier in unserer kleinen Reha-Station sicherlich Möglichkeiten des Ausbaues, muss aber nun einmal auch finanziell gewährleisten können, dass die mir anvertrauten Schützlinge auch jede – JEDE – Behandlung bekommen, die sie benötigen. Ganz ohne Abstriche. Dafür fehlt es nun einmal an genügend Menschen, die bereit sind das Projekt dauerhaft zu unterstützen und zu tragen. Weiterhin weiß ich nie wie lange Pferdenotfälle bei mir bleiben, manche sind unvermittelbar und erhalten einen Lebensplatz, manche benötigen eine recht lange körperliche oder psychische Starthilfe. Letztlich ist die Vermittlung von geretteten Pferden, die man mit viel Einsatz & Fürsorge rehabilitiert hat auch nicht sonderlich einfach. Es fehlt an guten und „sicheren“ sowie pferdegerechten Endstellen.

Umso besorgter – nein, mittlerweile wütender und fassungsloser- macht mich der Blick auf diverse Vereine, Gruppierungen oder sonstige Verbände, die sog.„Pferdeschutz“ betreiben.
Mir zieht es geradezu die Schuhe aus und ich stehe mit offener Kinnlade vor einem – sorry– „Treiben“, bei dem ich mich frage: wer rettet nun die Pferde vor den Rettern?

Es wird gerettet was grad noch vier Beine hat und laufen kann.
Meine Anmerkung: Ich sehe oft gerettete Pferde, deren diverse Leiden so degenerativ sind, dass ich selbst gerne sofort die Erlösung bieten würde. Denn das ist es was diese Tiere mitunter brauchen. Nichts anderes….

 

Es wird gerettet ohne Plan oder kompetente Pflegestelle
Meine Anmerkung: Es werden Pferde gesammelt, die man weder adäquat noch pferdegerecht unterbringen kann. Selbst eine Kurzzeitpflege an anderem Ort für z.B. zwei bis drei Wochen ist nur dann denkbar, wenn das dafür gleich mehrfach transportierte Pferd das A) leisten kann und B) danach ein Platz bereits sichergestellt ist.

 

Es wird gerettet ohne einen einzigen Euro auf der Hand
Meine Anmerkung: Ich bin die Letzte, die etwas gegen Spendenaufrufe hat, die im Übrigen sinnvoll und wichtig sind, denn ich halte Tierschutz für eine gesellschaftliche Aufgabe, die man miteinander im Verbund leisten/ aufteilen kann und muss. Tierschutz und Tierrecht sind Erziehung zur Menschlichkeit und somit eine gesellschaftliche Verpflichtung. Manche können die Arbeit leisten und haben die Sachkunde, manche leisten ihren Beitrag durch eine Spende und/ oder Patenschaft. Tierschutz ist demnach kein Hobby oder vermeintliches Heldentum, sondern ein Grund sich für andere gleich mitzuschämen, die hilflosen Tieren etwas antun. Es ist die leidige Richtigstellung eines Verbrechens, bei der man aktiv wirkend oder eben genauso gut passiv (zahlend unterstützend) Anwesenheit und Verantwortung zeigen kann, jeder in seinem Rahmen und nach seinen Möglichkeiten. ABER: wenn man ein Tier irgendwo rettet, trägt man unmittelbar die volle Verantwortung und sollte sichergestellt haben, dass man diese auch tragen kann. Und damit meine ich keine zwei bis drei Wochen oder eben nur das Futter (was den kleinsten Teil einer Reha-Kostenaufstellung ausmacht). Wie oft sehen wir gerade auf sog. „Gnadenhöfen“ kaum mehr als einen viel zu hohen Bestand an schlecht versorgten und unbehandelten Tieren. Liebe und Wille alleine gewährleisten keine Reha!

Es wird gerettet ohne jegliche Reha... vom Regen in die Traufe
Meine Anmerkung: Ganz häufig werden Pferde eingesammelt, befinden sich in einem schlechten Zustand und werden dann allerhöchstens weiter „verwahrt“. Therapeutische Leistung & Betreuung: Fehlanzeige! Im schlimmsten Fall werden eigentlich notwendige Maßnahmen aus oben genannten Kostengründen schlicht ignoriert oder es fehlt das notwendige Fachwissen um diverse Erkrankungen zu behandeln oder gar festzustellen. Wenn man die notwendige Sachkunde nicht hat, sollte man sich nicht mit so einer Aufgabe befassen. Ich nehme auch keine Tiere an, bei denen ich vorher schon weiß, dass ich komplett fachfremd und überfordert bin. Ich nehme keine Tiere, die ich einfach nicht halten kann.

Es wird gerettet und dann verschachert
Meine Anmerkung: Gut, da ist der Vorsatz bzw der niedere Beweggrund mehr als deutlich. Mir begegnen nicht wenige selbsternannte Pferderetter, die gerne und freudestrahlend in Not geratene Pferde aufnehmen, um sie nach kurzer Zeit durch die Hintertür wieder an den Nächsten zu verschachern. Ein hübscher Pseudo-Vertrag und eine nette „Schutzgebühr“ sind natürlich mit im Gepäck. Gerne werden chronisch kranke Pferde dann kurzfristig zumindest optisch wieder einigermaßen hergestellt und an Laien verkauft/ vermittelt. Frei nach dem Motto….vermittelt wie gesehen/ einem fast geschenkten Gaul schaut man ja nicht ins Maul. Das Geschrei auf der anderen Seite ist dann meist nach kurzer Zeit recht groß und die Pferde sind erneut sog. Tierschutz- und Abgabefälle. Weiterhin unversorgt, aber dafür schon vier Mal umgezogen.

Es wird gerettet und verbraucht
Meine Anmerkung: Auch nicht selten, zu oft gesehen: Höfe oder Gruppen, die Pferde retten um sie in eine wirtschaftliche Nutzung zu setzen. Sei es durch reiterliche Nutzung oder Streichelzoo- ähnliche Zustände oder andersartige Nutzungsweisen. Gerne arbeiten natürlich auch weiterhin versehrte Pferde, die sich ihr „Gnadenbrot“ (Unwort des Jahrzehnts) ab dem Zeitpunkt der Rettung auf diesem Wege verdienen müssen, da man ja sonst nicht zahlen kann was diese Tiere zum Leben brauchen. Obendrauf braucht man nicht zu erwähnen, dass unpassendes Zubehör (weil ebenfalls von irgendwoher gespendet oder günstig erstanden) gerne zur Tagesordnung gehört, fachfremde Menschen zu Aufsichtspersonen werden und man nicht davon ausgehen darf, dass die therapeutische Versorgung oder pferdegerechte Haltung annähernd gewährleistet ist.

 

 

Wir beschäftigen uns nun schon zwei Jahrzehnte mit aktiver Pferderettung, seit Jahren mit sachkundiger Reha von Pferden, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen und dementsprechend sehr unterschiedliche Versehrungen mitbringen. Auf diesem Weg durch die Pferdewirtschaft begegnet einem das alltägliche Leiden der Tiere an jeder Ecke, seien es körperliche oder psychische Leiden, chronische oder akute. Gegenüber dem Pferd bleibt der Mensch nun einmal ein Gewohnheitsverbrecher. 
Wir haben in all diesen Jahren natürlich auch unsere Erfahrung mit vielen anderen „Pferderettern“ und Vereinen gemacht und es ist schon sehr beschämend, daß wir leider lernen mussten: arbeite mit den meisten lieber nicht zusammen! Eine traurige Realität, die uns zeigt wie weit entfernt wir von wahrhaftig guten Entwicklungen im Pferdeschutz sind.
Und ja, auch ich bin in diesem Bereich schon ordentlich auf die Nase gefallen und habe den falschen Menschen vertraut. Ein Umstand, der mir heute nicht mehr widerfahren kann. Leider bin ich wohl zu dem misstrauischsten Pferdemensch der Welt mutiert.

Ich bitte daher immer wieder: Seid ehrlich mit Euch selbst, prüft ausreichend und gebt niemals leichtfertig die Verantwortung für ein Pferd ab. Legt mit Bedacht und Obacht fest wen Ihr unterstützt und wen nicht. Seid wachsam, nicht nur innerhalb der gesamten, teils verbrecherischen Pferdewirtschaft, sondern auch im sog. „Pferdeschutz“. Jedes Pferd sollte es ganz selbstverständlich wert sein…

 

 

„Wo immer ein Tier in den Dienst des Menschen gezwungen wird, gehen die Leiden, die es erduldet, uns alle an. 
Tierschutz ist Erziehung zur Menschlichkeit“
(Schweitzer,Albert - Theologe und Arzt, Friedensnobelpreis 1952)

Eure Nico

 




 

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